Re: Noahs Alter



Klaus Schaefers schrieb:

... Nach der Vernichtung sagt der hier handelnde Gott Noah und seinen
Nachfahren folgendes zu:

Nicht noch einmal will ich den Erdboden verfluchen um des Menschen
willen; denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner
Jugend an; und nicht noch einmal will ich alles Lebendige schlagen,
wie ich getan habe. (Gen 8,21)

Hallo Klaus,

ich meine, dass man doch die -dir sicherlich bekannten-
soziokulturellen Zusammenhänge in den Kontext der Sintflutgeschichte(n)
einbeziehen muß, um eine ufer- und sinnlose Diskussion zu vermeiden. Als
da wären m.E.:

1. Sintflutgeschichten gibt es in allen Mythen der Völker,
insbesondereist das Gilgameschepos, und die biblische Erzählung beruht
auf altmesopotamischen Überlieferungen. Die Datierungsversuche sind
demnach relativ unsinnig.
2."Die Frage nach der physikalsichen oder archäologischen
Nachweisbarkeit einer universalen Sintflut verkennt den literarischen
Charakter der Flutsagen. Vielmehr haben lokal begrenzte
Überschwemmungskatastrophen das Material für die Sintflutsagen in aller
Welt gegeben, in denen sich die Erfahrung totlaer Bedrohtheit der
menschlichen Existenz schon in ältester Zeit Ausdruck
verschafft."(Brockhaus Religionen)
3. Ein *neues* Gottesbild - und das ist das Entscheidende -, nämlich der
Wandel von den numinosen Kräften zur Personalisierung, der "Sieg der
Anthropomorphie" (K.H.Ohlig), bestimmt das Verhältnis von Mensch und Natur.
4. Dieser Wandel steht im Zusammenhang mit einem neuen Kulturbewußtsein
aufgrund der Entstehung von Städten und Landwirtschaft, Handel und neuen
sozialen Schichten. Ohlig beschreibt diesen Wandel so:
"Ein neues Kulturbewußtsein entstand, indem der Mensch seiner
Fähigkeiten und seiner Besonderheit inne wurde; die von ihm nicht
bearbeitete Natur empfand er als chaotisch und weithin als bedrohlich.
Aus diesem Grunde suchte er Orientierung nicht mehr bei der numinosen
Natur, nicht mehr bei unpersönlichen chtonischen, sondern bei solchen
Kräften, die zunehmend das Gesicht des Menschen trugen und am Himmel,
oben, wohnten. ...
5. Die hochkulturelle Entwicklung brachte es offensichtlich mit sich,
dass sich von jetzt an der Mensch seiner Besonderheit, ja sogar
Andersartigkeit gegenüber allen nicht-menschlichen Formen des
Lebendigen deutlicher bewußt wurde. Gerade diese seine neu erfahrene
Eigentümlichkeit begann auch seine Sinnfrage zu bestimmen und war einer
"Antwort" bedürftig. Diese Antwort war die personenanloge Gottheit."
(K.H.Ohlig: Religion in der Geschichte der Menschheit, S. 120).

Erst aus diesem Zusammenhang heraus wird die Problematik eines
irrationlal handelnden Rächergottes (warum vernichtet er nicht einfach
die Menschen mittels Virus oder sonstwie, sondern läßt die gesamte Natur
und Tierwelt ohne Sinn und Grund mitleiden?)verständlich, wie auch die
weiteren Fragen:

Wenn die Vernichtung nach Gen 6,5 wegen des böse denkenden Herzens
geschah, die Zusage nach 8,21 -nicht nochmals so zuzuschlagen- mit
derselben Begründung gegeben wird, so wird mir dieses Wesen zum
Dämon.

Natürlich kann man aus der Sintfluterzählung auch eine Geschichte
mit den Zügen, die Du angesprochen hast, bauen. Dichter haben oft
alte Motive benutzt und ihre Geschichte daraus gebaut. Aber das ist
dann eine neue Geschichte.

Wie ich meine, ist das Dämonische in Jahwe eben auch in der
biblischen Sintflutgeschichte zu finden. Vielleicht auch eine
Vorstufe des Prädestinationsgedankens: Noah und die seinen, ebenso
die Tiere in der Arche sind auserwählt, die übrige Schöpfung
verflucht.

Das Problem ist nicht das Dämonische, das Problem ist das anthropomorphe
Gottesbild. Die Unmöglichkeit einer Welterklärung mittels eines
personalanalogen Gottes führt zu all den Eiertänzen und Irrationalismen
(das Böse z.B. mußte nun auch personalisiert werden)und Dämonisierungen,
die wir im Laufe der Geschichte erleben mußten. Die "Ethik" der Natur
konnte noch mit numinosen Kräften begründet werden und enthielt keine
Schuldfragen. Die Ethik einer anthropomorphen Gottheit führt
zwangsläufig zu einer Schuld- und Sühnemoral.

Für mich noch dazu Anlaß an das Theodizee-Problem zu denken.

Eben. Für mich ist es ohnehin rätselhaft, wie wenig das Theodizeeproblem
in den Religionen thematisiert wird, bzw. immer zugunsten Gottes
beantwortet wird. Ich bekomme dabei mitunter Panikattacken, was auch
schon mal als pathologisch beschrieben wurde. Ist ein Übermaß an
Empathie pathologisch? Oder bedarf es für ein "normales" Leben eine
gewisse Distanz und Gleichgültigkeit gegenüber der Leiden? Und wenn ja,
wo ist da die Grenze?
Um zu Noah zurückzukommen: M.E. ist aus den o.a. Gründen unmöglich und
auch unsinnig, einen Kausalzusammenhang von Naturerscheinungen und
menschlichem Verhalten zu konstruieren, ebensowenig gelingt der Versuch,
daraus moralische Kategorien wie Gerechtikeit und Sühne/Strafe
abzuleiten. Die Absurdität zeigt sich hier in der Diskussion ja auch,
wo Gott anscheinend nichts anderes zu tun hat, als permanent mit
Katastrophen über seine Geschöpfe herzuallen, wobei auch hier wiederum Natur und Tierwelt gleich mitbestraft werden. Warum er mit Belohnungen da eher knauserig ist, wird nie beantwortet. Derselbe untaugliche
Erklärungsversuch wie bei der Sintflut.

Gruß Norbert
--
"Diese Selbstgerechten, weißt du, die nie zweifeln, schon gar nicht
an sich selber, die sind die Pest in den menschlichen Beziehungen."
(Maxie Wander)


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