Albert Einstein - nicht Deutscher, sondern Jude und Zionist



*Albert Einstein - Jude, Protozionist und Weltbürger*

Albert Einsteins "tiefreligiöse Ungläubigkeit" - über das Leitmotiv eines
engagierten Weltbürgers

Essay von Arno Lustiger

Wie jüdisch war Albert Einstein? Und wie sehr war er Zionist? Wie vertrugen
sich diese beiden Eigenschaften mit seinem militanten Pazifismus und
Weltbürgertum? Zum 100. Geburtstag der Relativitätstheorie, war in diesem
Jahr viel vom Wissenschaftler die Rede, vom Genie und Eigenbrötler, auch
vom politisch engagierten Zeitgenossen. Albert Einstein gilt als eine
schillernde Persönlichkeit - wie aber hielt er es mit seinem Glauben?
Präziser: Was bedeutete ihm sein Judentum? Die Frage blieb inmitten der
Feierlichkeiten weitgehend unbeantwortet. Das hat seinen Grund nicht
zuletzt in der widersprüchlichen Vielfalt von Einsteins Äußerungen zu
diesem Thema; sie ergeben kein einheitliches Bild. Befriedigende Antworten
wird man hier kaum finden. Beruhigende Antworten schon gar nicht.

Einstein kann wohl als Agnostiker bezeichnet werden, und falls er, der
Naturwissenschaftler, überhaupt an einen Gott glaubte, so ist das am
ehesten im Sinne Spinozas, also unter einem starken materialistischen
Vorbehalt zu verstehen: Die in der Bibel propagierte Gottesfurcht ist
Quelle religiösen Aberglaubens; weil die Religion immer auch
Herrschaftszwecken dient und die Menschen unmündig hält, bedarf sie der
unentwegten Aufklärung, eben der Kritik. Vor diesem Hintergrund scheint es
wenig überraschend, dass Einstein sich selbst als "tiefreligiösen
Ungläubigen" begriff. Jüdisch zu sein, bedeutete für ihn keine
Religionszugehörigkeit, sondern vielmehr eine "Schicksals- oder
Stammesgemeinschaft". Wie aber lässt sich die paradoxe Formulierung
"tiefreligiöse Ungläubigkeit" näher verstehen? Begeben wir uns auf
Spurensuche.

1919, gerade 30 Jahre alt, wurde Einstein in Deutschland mit Ruhm geradezu
überschüttet, 1923 wurde er in den Orden "Pour le Mérite" gewählt, mit 44
Jahren als weitaus jüngstes Mitglied unter den 30 deutschen Geistesgrößen.
Obwohl er seine jüdische Herkunft nie vergessen oder verleugnet hat,
"entdeckte" er erst in Berlin sein Judentum. Dabei störte er sich vor allem
am mangelnden Selbstbewusstsein und an der fehlenden Solidarität unter den
arrivierten, assimilierten Juden Berlins: Er hielt nichts von der
deutsch-jüdischen Symbiose. Im Gegensatz zu vielen deutschen Juden bezeugte
er eine tätige Solidarität mit den Tausenden von Ostjuden, die nach Krieg
und Revolution aus Russland und aus Polen nach Deutschland, meist nach
Berlin, geflüchtet waren. Einstein verkehrte im Berlin der zwanziger Jahre
gerne mit seinen ostjüdischen Brüdern. Dazu gehörte auch die Bekanntschaft
mit David Bergelson: Der weltberühmte Physiker gab zusammen mit dem
bedeutenden jiddischen Schriftsteller Geigenkonzerte im ostjüdischen
Scholem-Alejchem Club in der Kleiststraße 9. Erwähnt sei hier, dass
Bergelson als Führungsmitglied des "Jüdischen Antifaschistischen
Komitees" 1952 in Moskau hingerichtet wurde.

*"Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" - das ist Leisetreterei*

Im April 1920 wurde Einstein vom "Centralverein deutscher Staatsbürger
jüdischen Glaubens" zu einer Sitzung im akademischen Kreis eingeladen, die
sich mit der Bekämpfung des Antisemitismus befassen sollte. Er lehnte diese
Einladung ab, weil er sich keine Illusionen über die Zukunft der deutsch-
jüdischen Symbiose machte. Einstein begründete dies mit folgenden Worten:
"Wenn ich zu lesen kriege 'Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens', so
kann ich mich eines schmerzlichen Lächelns nicht erwehren. Was steckt in
dieser schönen Bezeichnung? Was ist denn jüdischer Glaube? Gibt es eine Art
Unglauben, kraft dessen man aufhört, Jude zu sein? Nein. In jener
Bezeichnung stecken aber zwei Geständnisse schöner Seelen, nämlich: Ich
will nichts zu tun haben mit meinen armen ostjüdischen Brüdern, und: Ich
will nicht als Kind meines Volkes angesehen werden, sondern nur als
Mitglied einer religiösen Gemeinschaft. Ist das aufrichtig? Kann der
'Arier' vor solchen Leisetretern Respekt haben? Ich bin weder deutscher
Staatsbürger, noch ist irgendetwas in mir, was man als 'jüdischen Glauben'
bezeichnen kann. Aber ich freue mich, dem jüdischen Volke anzugehören, wenn
ich dasselbe auch nicht für das auserwählte halte. Lassen wir doch ruhig
dem Goj seinen Antisemitismus und bewahren wir uns die Liebe zu
unseresgleichen." Hier spricht der politisch hellwache Zeitgenosse. Es ist
daher nicht überraschend, dass Einstein durchaus Sympathien für die
zionistische Bewegung entwickelte.

In Deutschland wurde die Balfour-Erklärung der britischen Regierung von
1917 nur von den wenigen Zionisten bejubelt: Die Erklärung versprach den
Juden eine Heimstätte in Palästina und bedeutete insofern ein erste
völkerrechtliche Anerkennung der zionistischen Bestrebungen. Einstein wurde
von Kurt Blumenfeld, dem ersten Präsidenten der Zionistischen Vereinigung
für Deutschland, angesteckt. Chaim Weizmann, Präsident der Zionistischen
Weltorganisation, bat im März 1921 seinen Amtskollegen in Deutschland,
Albert Einstein zu einer Reise in die USA einzuladen. Dort sollte es eine
Reihe von Veranstaltungen geben, deren Zweck die Gründung der Hebräischen
Universität in Jerusalem war. Einsteins zeigte sich schnell überzeugt: "Ich
bin in meiner allgemein menschlichen Haltung ein Gegner des Nationalismus.
Als Jude aber setze ich mich seit heute für den jüdischnationalen Zionismus
ein. Telegrafieren Sie Weizmann, dass ich zustimme." Fritz Haber, getaufter
Jude und Chemie-Nobelpreisträger von 1918, versuchte noch, seinen Freund
von der Reise abzubringen. Die Antwort Einsteins kam postwendend: "Trotz
meiner internationalen Gesinnung halte ich mich doch stets für
verpflichtet, für meine verfolgten und moralisch unterdrückten
Stammesgenossen einzutreten ... Gerade die Errichtung einer jüdischen
Universität erfüllt mich mit besonderer Freude, nachdem ich in letzter Zeit
an unzähligen Beispielen gesehen habe, wie perfid und lieblos man hier mit
prächtigen jungen Juden umgeht."

Während der zehnwöchigen Reise durch die USA vom März bis Mai 1921 stellten
der Chemieprofessor Weizmann und der Physiker Einstein bald eine starke
Affinität fest, die sich zu einer lebenslangen engen Freundschaft
entwickelte. Die Amerikareise wurde zu einem großen Erlebnis für Einstein.
Ende Mai 1921 schrieb er Weizmann in einem Brief: "Ich habe die große
Genugtuung, der zionistischen Sache viel genutzt und die Gründung der
Universität gesichert zu haben." Später formulierte er deutlicher: "Während
der letzten 2000 Jahre war das gemeinsame Eigentum aller Juden nur die
Vergangenheit, jetzt ist alles anders. Die Geschichte hat uns die große und
noble Aufgabe gestellt, Palästina in aktiver Zusammenarbeit gemeinsam
aufzubauen. Es wird zu einem Ort des modernen intellektuellen Lebens und
geistiges Zentrum aller Juden der Welt werden."

*Die zionistische Bewegung wird niemand zerstören können*

Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, kurz nachdem Albert Einstein den
Physik-Nobelpreis bekam, hielt er am 6. Februar 1923 die erste Vorlesung an
der Hebräischen Universität in Jerusalem: "Ich betrachte diese
Veranstaltung als den größten Tag meines Lebens. Die zionistische Bewegung,
die diese Universität gegründet hat, ist auch eine geistige Bewegung.
Deshalb wird niemand auf der Welt sie zerstören können. Die Verbundenheit
mit unserer Vergangenheit und die heutigen Errungenschaften unseres Volkes
erfüllen uns mit Stolz gegenüber der ganzen Welt." Einstein musste in
seinem politischen Engagement aber auch Rückschläge hinnehmen.
Außenminister Walter Rathenau bat im März 1922 ihn und Kurt Blumenfeld zu
einem vertraulichen Gespräch in seiner Wohnung. Er wollte mit beiden über
Palästina und seine Rolle als Jude und deutscher Außenminister sprechen.
Fünf Stunden lang, bis ein Uhr morgens, diskutierten die drei deutschen
Juden auch über das Problem, dass Rathenau als Jude für das ganze deutsche
Volk sprechen soll. Einstein und Blumenfeld warnten Rathenau vor den
Gefahren seiner Mission bei der kurz bevorstehenden Konferenz in Genua
angesichts der Bedrohung durch Rechtsradikale. Am 24. Juni wurde er dann
von zwei jungen Offizieren, die der rechtsradikalen "Organisation Consul"
angehörten, erschossen. Im Nachruf Einsteins vernehmen wir die
Ernüchterung: "Bei der Haltung, die ein großer Teil der gebildeten Schicht
Deutschlands gegen die Juden einnimmt, wäre nach meiner Überzeugung stolze
Zurückhaltung der Juden im öffentlichen Leben das Natürliche."

*Das "Komitee Pro Palästina" und die Flucht aus Deutschland*

Von einem Rückzug aus dem öffentlichen Leben kann indes nicht die Rede
sein. 1922 wanderte der bedeutende jüdische Historiker Simon Dubnow aus der
Sowjetunion nach Berlin aus. In wenigen Jahren verfasste er die zehnbändige
Weltgeschichte des jüdischen Volkes, die simultan aus dem russischen
Original ins Deutsche übersetzt wurde und zwischen 1925 und 1929 in Berlin
erschien. Dubnow und Einstein wurden enge Freunde. Sie berieten über die
Gründung einer europäischen jüdischen Universität in Prag oder in Kaunas -
aus den Plänen wurde indes nichts. Doch gab es unter den Tausenden von
jüdischen Flüchtlingen aus dem Osten viele Studenten, die an den
Universitäten Vereine bildeten. Auf einer Konferenz in Berlin am 27.
Februar 1924 wurde der "Verband jüdischer Studentenvereinigungen in
Deutschland" gegründet. Man wählte Albert Einstein und Simon Dubnow zu
Ehrenpräsidenten.

Die zionistische Sache ließ Einstein nun keine Ruhe mehr. Im Jahre 1921
wurde der Palästina-Gründungsfond "Keren Hajessod" (KH) ins Leben gerufen.
Er sollte von Zionisten wie Nichtzionisten Geldmittel zur Finanzierung der
Besiedlung der jüdischen Heimstätte in Palästina beschaffen. Auf einer
Kundgebung des KH im ehemaligen Preußischen Herrenhaus in Berlin am 4. März
1926 sprachen neben Oscar Wassermann, dem Vorstandsvorsitzenden der
Deutschen Bank, auch der Rabbiner Leo Baeck und Albert Einstein. Während
der "Keren Hajessod" nur an Juden appellierte, für Palästina zu spenden,
sollte sich das "Deutsche Komitee Pro Palästina zur Förderung der jüdischen
Palästinasiedlung" ausschließlich an deutsche Politiker, Wissenschaftler,
Künstler und andere bedeutende Persönlichkeiten richten. Das Komitee wurde
1926 gegründet. Sein Präsident wurde Heinrich Graf Bernstorff, Mitglied des
Reichstags und ehemaliger deutscher Botschafter in Washington. Dem
Ehrenausschuss gehörten der Reichstagspräsident Paul Löbe und Albert
Einstein an. Gründungsmitglieder waren unteren anderen Konrad Adenauer,
Thomas Mann, Hartmann Freiherr v. Richthofen und Rudolf Breitscheid. An der
Gründungsversammlung am 15. Dezember 1926 im Hotel Kaiserhof nahmen etwa 40
Persönlichkeiten teil, so der Führer der deutschen Sozialdemokratie, Eduard
Bernstein, Leo Baeck sowie Hermann Pünder, der von 1926 bis 1932 die
Reichskanzlei leitete. 1933 entlassen, wurde er nach dem 20. Juli 1944 in
Buchenwald und Dachau inhaftiert und am 5. Mai 1945 gerettet. 1947 war er
als Oberdirektor der "Bizone" höchster deutscher Beamter und galt mit
Ludwig Erhard als Vater der Sozialen Marktwirtschaft und der
Währungsreform. Im Programm des Komitees heißt es, dass der Aufbau der im
Palästinamandat vorgesehenen Heimstätte für das jüdische Volk als ein "Werk
menschlicher Wohlfahrt und Gesittung Anspruch auf die deutschen Sympathien
und die tätige Anteilnahme der deutschen Juden hat." Einstein ließ hier
allerdings eine gewisse Zurückhaltung erkennen. Er neigte zu der von Martin
Buber und Judah L. Magnes, dem Rektor der Hebräischen Universität,
vertretenen Idee eines binationalen Staates und trat für eine friedliche
Koexistenz zwischen den arabischen und jüdischen Bewohnern Palästinas ein.

Der Völkerbund beschloss 1922 das britische Mandat für Palästina unter der
Bedingung, dass dort eine jüdische Heimstätte gegründet werden sollte. Die
"Jewish Agency" war die offizielle Vertretung der Juden in Palästina. 1928
wurde sie um nicht-zionistische Mitglieder erweitert. Zu ihnen zählten
Albert Einstein, Schalom Asch, Leon Blum und Viscount Herbert L. Samuel,
erster britischer Hochkommissar von Palästina zwischen 1920 und 1925. Als
im Frühjahr 1932 13 Millionen Wähler für die NSDAP stimmten, appellierten
Albert Einstein, Käthe Kollwitz und Heinrich Mann vergeblich an die
Gewerkschaften, die SPD und die KPD, für die Juli-Wahlen 1932 einen
Einheitsblock zu bilden. In einer Großkundgebung am 18. Juli 1932 in Berlin
wiederholten Einstein, Thomas Mann, Ernst Toller, Käthe Kollwitz und Paul
Freiherr von Schoenaich diesen Aufruf, wiederum ohne Erfolg. Zum Glück
verließ Einstein rechtzeitig Deutschland in Richtung USA. Nach der
Machtergreifung Hitlers 1933 sollte er den europäischen Kontinent nie
wieder betreten.

Während des Spanischen Bürgerkriegs von 1936 bis 1939 unterstützte Einstein
tatkräftig die Republik. Er sammelte Geld für die Spanienhilfe und half dem
jüdischen Chefarzt des Beth Israel Krankenhauses in New York, Edward
Barsky, bei der Gründung der Hilfskomitees "Friends of Spanish Democracy"
und "Medical Bureau for Spain". Barsky diente in Spanien als Kommandant des
Sanitätskorps der Internationalen Brigaden, dem 22 Feldlazarette
unterstanden. Nach der Rückkehr aus Spanien besuchte Barsky zusammen mit
der Nobelpreisträgerin Irène Joliot-Curie seinen Kollegen von der
Spanienhilfe Einstein in Princeton.

*Die Schwarzbücher der polnischen und russischen Juden*

Im April 1942 beschloss die American Federation of Polish Jews, die
Öffentlichkeit über die schrecklichen Verbrechen an den polnischen Juden zu
informieren, um sie für eine Rettung und Hilfe zu mobilisieren. Das über
370-seitige Buch mit 68 Fotos aus dem besetzten Polen erschien Mitte 1943
unter dem Titel "The Black Book of Polish Jewry. An Account of the
Martyrdom of Polish Jewry Under the Nazi Occupation" in New York. Zu den
Sponsoren zählten die Präsidentengattin Eleanor Roosevelt, Ignacy
Schwarzbart, jüdisches Mitglied des polnischen Exilparlaments in London,
und auch Albert Einstein. Da das Buch bisher von keinem amerikanischen oder
sonstigem Historiker erwähnt oder zitiert wurde, habe ich beschlossen,
einen Reprint herauszugeben. Das Buch erschien 1995 mit meinem Vorwort.

Die Idee, auch ein Schwarzbuch über die Vernichtung der Juden durch die
Deutschen in der Sowjetunion zu veröffentlichen, stammte von Albert
Einstein. Den Verantwortlichen in Moskau war das Projekt sehr willkommen,
ließ es sich doch im Sinne der sowjetischen Kriegspropaganda verwenden.
Ilja Ehrenburg und Wassili Grossman wurden mit der Herausgeberschaft
betraut. Albert Einstein wurde gebeten, ein Vorwort zu schreiben, das
allerdings in Moskau verworfen wurde. Schlimmer noch: Im August 1947, als
das Buch bereits gedruckt war, wurde es von Stalin persönlich verboten, und
zwar mit der Begründung, die Juden seien nicht die einzigen gewesen, die
unter der deutschen Besatzung gelitten hätten.

Wir dürfen hier nicht nur einen Reflex des in der Sowjetunion zunehmend
Verbreitung findenden Antisemitismus vermuten. Gerade Einsteins Vorwort
belegt, wie wenig er geneigt war, sich vom Sowjetkommunismus in den Dienst
nehmen zu lassen. Ihm schwebte ganz Anderes vor, nämlich die Errichtung
einer Weltregierung: "Das Ziel dieser Publikation ist offenbar. Sie soll
den Leser davon überzeugen, dass eine internationale Organisation für die
Sicherung des Daseins nur dann ihren Zweck wirksam erfüllen kann, wenn sie
sich nicht darauf beschränkt, Staaten gegen militärischen Überfall zu
schützen, sondern ihren Schutz auch den nationalen Minderheiten innerhalb
der einzelnen Staaten zukommen lässt. Denn schließlich ist es das einzelne
Individuum, das vor Vernichtung und unmenschlicher Behandlung geschützt
werden soll. Es ist wahr, dass dieses Ziel nur erreicht werden kann, wenn
das Prinzip der Nichteinmischung, das in den letzten Jahrzehnten eine so
verhängnisvolle Rolle gespielt hat, über Bord geworfen wird ... Erst wenn
die Schaffung und Sicherung menschenwürdiger Existenzbedingungen für alle
Menschen als eine gemeinsame Verpflichtung aller Staaten und Menschen
anerkannt und empfunden wird, wird man mit einem gewissen Recht von einer
zivilisierten Menschheit sprechen können."

Das Anerbieten, Repräsentant eines Staates zu werden 1945 beschlossen die
Regierungen der USA und Englands die Bildung einer gemischten Kommission,
des "Anglo-American Commitee of Inquiry Regarding the Problems of European
Jewry and Palestine." Je sechs führende amerikanische und englische
Persönlichkeiten sollten untersuchen, wie das Problem der überlebenden und
heimatlos gewordenen Juden Europas zu lösen wäre. Zum ersten Mal wurde auf
internationaler Ebene das Schicksal der Juden mit Palästina verknüpft. Die
Kommission besuchte Polen, Österreich, Italien, Palästina und vor allem die
Lager für die so genannten Displaced Persons (DP) in Deutschland, wo
Abertausende jüdische Überlebende der Schoa vegetierten und ungeduldig auf
eine Auswanderung warteten. Auch Albert Einstein wurde von der Kommission
zu einer Diskussion eingeladen. Er berichtete darüber seinem Freund Martin
Buber in Jerusalem sehr empört, dass sich die britische Palästina-Politik
gegen die Juden richtete. Die Kommission schlug den Briten vor, 100.000
Einreisezertifikate an die Displaced Persons zu genehmigen. Dies war der
erste Schritt zur Gründung des Staates Israel, die die Uno erst zwei Jahre
später beschloss. Die nachdrückliche Pro-Palästina-Haltung der DPs bei den
Besuchen der Kommission in den Lagern in Deutschland war am Ende der
wichtigste Grund für diese Beschlüsse.

Am 9. November 1952 starb Einsteins enger Freund Chaim Weizmann, der erste
Staatspräsident Israels. David Ben-Gurion wurde beauftragt, Einstein die
Kandidatur für das Staatspräsidentenamt anzutragen. Einstein antwortete:
"Ich bin tief bewegt, über das Anerbieten unseres Staates Israel und
beschämt darüber, dass es mir unmöglich ist, das Anerbieten anzunehmen.
Diese Sachlage betrübt mich um so mehr, als die Beziehung zum jüdischen
Volk meine stärkste menschliche Bindung geworden ist." Einstein erkrankte
im Herbst 1954 an einem schweren Aneurysma. Er sollte sich von dieser
Krankheit nicht mehr erholen. Der israelische Generalkonsul in New York,
Reuven Dafni, bat Einstein, einen Text zu verfassen, der beim siebten
Unabhängigkeitstag Israels am 27. April 1955 in im Fernsehen und im Radio
verlesen werden sollte. Einstein begann den Text der Rede mit den Worten:
"Ich spreche zu Euch heute nicht als amerikanischer Bürger und auch nicht
als Jude, sondern als ein Mensch, der in allem Ernst danach strebt, die
Dinge objektiv zu betrachten. Was ich erstrebe ist einfach, mit meinen
schwachen Kräften der Wahrheit und Gerechtigkeit zu dienen auf die Gefahr
hin, niemand zu gefallen." Einstein hat seinen handschriftlich und auf
Deutsch geschriebenen Text nicht mehr vollenden können. Der Text endet
abrupt, mitten in dem Satz: "Denn die allenthalben entfachte politische
Leidenschaft verlangt ihr Opfer..." Er starb am 18. April 1955, betrauert
von der ganzen Welt. Der letzte Gedanke dieses bedeutenden Menschen hatte
der Sorge um die Zukunft des Staates Israel gegolten. Einsteins Wunsch
gemäß wurde sein Körper, entgegen den Vorschriften der jüdischen Religion,
am gleichen Tag eingeäschert, die Asche wurde nach einer schlichten
Trauerfeier an einem unbekannten Ort verstreut.

Vortrag im Centrum Judaicum in Berlin, 7.9.2005 | Frankfurter Rundschau,
8.9.2005
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