Re: Realname



On Sat, 10 Jun 2006 21:58:12 +0200, andreas.hofmann@xxxxxx (Andreas
Hofmann) wrote:

T.C. <Devil505@xxxxxxxxxxxxx> wrote:

Kann sein, das bestätigt mir aber, dass es Leuten leichter fällt ein
Pseudonym zu verbrennen als den eigenen Realnamen, davon hat man ja auch
nur einen.

Wenn man beobachtet, wieviele (vermeintliche) Realname-Poster
keinerlei Problem damit haben scheinen, dass ihr "Realname" mit z.T.
extrem unhoeflichen Umgangsformen in Verbindung gebracht wird, sehe
ich da wenig Grund, der Argumentation zu folgen: der "Selbstgerechte"
versteht sich sowieso im Recht (dass dann ggf. auch blind fuer die
Mittel macht), egal ob mit Pseudonym oder Realname...

Weil etwas bei einigen nicht wirkt, ist es generell wirkungslos?

Ich bin mir jetzt nicht sicher, was Du meinst: "Bei einigen nicht
wirkt" meint die Benutzung von Realnamen als Hinderungsgrund fuer das
Danebenbenehmen unter wechselnden "Identitaeten"?


Auf der anderen Seite waere es unserioes, dem Benutzer eines
offensichtlichen Pseudonmys automatisch zu unterstellen, er wuerde
keinen Wert auf den "Ruf" der damit assoziiert wird, legen...

Ich unterstelle keinem automatisch etwas, nur weil ich feststelle, dass
ein statistischer Zusammenhang besteht.

Bei der Einstellung waere es ja auch nicht noetig, einem
Pseudonymbenutzer quasi praeventiv erst einmal einen Wechsel zum
Realnamen nahezulegen (zumindest in Bezug auf die Aussage "Pseudonym =
Troll") - mehr wuerde ich mir ja gar nicht wuenschen...


Im Umkehrschluss ist die Forderung einiger nach der Benutzung von
Realnamen sogar fragwuerdig - wer glaubt heute noch, dass jeder Name,
der wie ein echter aussieht, auch der reale Name des Posters ist?

Kontrollierst Du im realen Leben erst den Personalausweis von Leuten,
die sich Dir vorstellen?

Nein - aber zum einen unterstelle ich mal, dass die Gefahr im realen
Leben dahingehend irregeleitet zu werden, deutlich geringer ist: ein
oftmals vorhandenes soziales Umfeld macht dererlei zumindest beim
direkten Kontakt deutlich schwieriger - zum anderen interessiert mich
auch dort der Name nur als Identifikationsmerkmal - eine Meinung ueber
die Person bilde ich mir aufgrund seines/ ihres Verhaltens...
....zugegebenermassen waere ich allerdings im Realen Leben sehr
gespannt zu erfahren, warum mir jemand ggf. eine falschen Namen
genannt hat...


Unfreundliche und lernrestistente pseudonyme Poster treffen auf viel
mehr Widerstand, warum verschwinden die nicht? Nach meiner Erfahrung hat
ein pseudonymer Poster, der sachlich bleiben kann und nicht auf jede
kleine Provokation mit einem Beißreflex reagiert, wenig Probleme.

Warum aber wird letzere Forderung nur an den Benutzer des Pseudonyms
gestellt? Gaelte nicht das Gleiche auch fuer den Verfechter des
Realnamens, der sich schon durch die blosse und offensichtliche
Benutzung des Pseudonyms provoziert fuehlt?

Sie wird doch gestellt! Die Netiquette empfielt ausdrücklich nicht
öffentlich auf Netiquetteverstöße hinzuweisen, das schließt
Realnamenhinweise ein.

Nach meiner Beobachtung beginnt "das oeffentliche Theater" aber nahezu
ausschliesslich mit dem Hinweis der Verfechter der Netiquette darauf,
dass diese grade verletzt wurde - zumeist in Bezug auf den Realnamen
oder manchmal auch bezueglich der eMail-Adresse...
....und ich kann mich ehrlich nicht erinnern, dass jemals von anderer
Seite als dem "Abgemahnten" darauf hingewiesen wurde, dass dies allein
schon ein Verstoss gegen jene Netiquette darstellt...

....noch kann ich mich erinnern, dass ausser "Oliver Ding" aka "die
Socke" hier oder anderswo jemand vehement gefordert haette, dass
gefaelligst "beide Seiten" _in der Oeffentlichkeit_ "die Klappe zu
halten haetten" - bzw. dererlei Debatten in einer geeigneten NG
fuehren sollten...

Insofern wird nach meiner Beobachtung bei dem Thema in der Praxis ganz
klar mit zweierlei Mass gemessen...

Der Aussage "Nach meiner Erfahrung hat ein pseudonymer Poster, der
sachlich bleiben kann und nicht auf jede kleine Provokation mit einem
Beißreflex reagiert, wenig Probleme." entnehme ich, dass dererlei
Provokationen auch nach Deiner Beobachtung nicht eben selten sind?
Weist Du oder andere dererlei Provokateure dann auch auf IHR
ungebuehrliches Verhalten hin?
....oder ist der Pseudonymbenutzer der einzige, der Provokationen
einfach schlucken soll?


Hinzu kommt: die Netiquette ist eine Meinungsaeusserung, AMK ist nicht
der Papst, der "ex cathedra" spricht und das deutschsprachige Usenet
ist keine geeinte Glaubensgemeinschaft...
...die (fuer mein Empfinden) Tatsache, dass die Netiquette
bedenkenswerte Teile enthaelt, bedeutet nicht dass sie nicht in ihrer
Gesamtheit umstritten ist - i.e. auch bedenkliche Teile enthaelt...
In meinem Empfinden ist sie das (vermutlich) bestgemeinteste aber
"ungluecklichste Dokument des deutschsprachigen Usenets"...

Jeder Text über allgemein akzeptierte Umgangsformen kann nur eine
persönliche Meinung sein. [...]

Das scheint aber nahezu ein Widerspruch in sich: "allgemein
akzeptiert" <-> "persoenliche Meinung" - auf jeden Fall relativiert es
jedwede Aussage zu dem Thema...

[...] Andreas M. Kirchwitz hat aber zumindest
versucht herauszufinen ob viele Leute seine Meinung teilen, indem er den
Entwurf zur Diskussion gestellt, angepaßt und dann ein Meinungsbild per
Abstimmung eingeholt hat. [...]

Ich war bei der Abstimmung nicht dabei - und ich wuerde mal wetten,
dass ein sehr grosser Teil des deutschsprachigen Usenets weder von der
Diskussion wussten noch der Abstimmung - dererlei findet nur allzu oft
in einigen wenigen spezifischen Gruppen statt (de.admin.*), in die man
sich als "Normaluser" ueblicherweise selten verirrt - das ist denn
eher so, als wenn Politiker oder Behoerden ueber das vermeintliche
Volksempfinden abstimmen - aber das ist jetzt nur eine Mutmassung
meinerseits...


[...] Es wurde damit nichts in Kraft gesetzt wie von
manchen gerne behauptet wird [...]

Auf welche Behauptungen beziehst Du Dich jetzt?

[...] und die Netiquette ist auch nicht
verpflichtend, beides hat Andreas meines Wissens auch immer weit von
sich gewiesen.

Wuerde sie nicht von manchen als scheinbar verpflichtend empfunden
werden, so wuerde es deutlich weniger "Forderungen" nach dem Realnamen
mit dem lakonischen Hinweis auf die Netiquette geben - das genau meine
ich mit dem "ungluecklichsten Dokument des deutschsprachigen Usenets"
- gibt es keinerlei Verpflichtung, dann ist auch eine *Forderung* zur
Einhaltung illegitim - dennoch wird sie genau dazu sehr oft
"missbraucht": als Legitimation fuer die Forderung...

All dies beruecksichtigt jetzt noch nicht, dass der "Status quo" im
deutschsprachigen Usenet der damaligen Zeit durchaus nicht identisch
mit dem heutigen ist - dass z.B. Spamming und Datenschutz zur
damaligen Zeit mutmasslich viel weniger ein Thema waren... und dass
vermutlich die Klientel der Usenetbenutzer heute eine in grossen
Teilen andere ist als zu damaligen Zeiten (neue Generation wachsen
nach, mit anderen Werten, Normen und Zielen)...


Das sollte man lassen, ganz Deiner Meinung. Aber hast Du Dir mal
überlegt, dass manche Netzteilnehmer genau den Weg mit dem Killfile
wählen? Andere (wie ich) beachten tendenziell pseudonymen Autoren
weniger, zumindest bis sie den pseudonymen Poster als wertvollen
Teilnehmer am Usenet wahrnehmen, weil gerade bei Neulingen ein Pseudonym
oft ein Indikator für noch eine ganze Reihe anderer unerwünschter
Verhaltensweisen ist und man einfach Zeit sparen will, das ist nur
ökonomisch.

Oekonomische Vorverurteilungen sind dennoch Vorverurteilungen -
Personen in "Schubladen" zu stecken war immer schon bequem, war aber
immer auch fragwuerdig...

Es ist keine Vorverurteilung, es überhaupt kein Urteil, es ist eine
Entscheidung. Ein Urteil würde erfordern, dass ich einen Sachverhalt
bzgl. der Person feststelle, das tue ich aber nicht, ich entscheide
einfach nur meine Zeit bzgl. meinen Erfahrungen für mich am sinnvollsten
einzusetzen und das meistens nicht mal bewußt. Es würde mich nicht mal
wundern, wenn es einigen pseudonymen Postern mit ihnen unbekannten
pseudonymen Postern unbeabsichtigt genau so geht.

Natuerlich sind rein persoenliche Entscheidungen voellig legitim -
auch braucht sich niemand dafuer zu rechtfertigen, warum er wen in den
Filter steckt, nicht mag oder misstrauisch beobachtet - wenn man denn
aber oeffentlich feststellt, dass man die "blosse Benutzung" eines
Pseudonyms als relevantes Kriterium ansieht, muss man sicherlich auch
mit kritischen Aeusserungen in derselbigen rechnen...

....das vermeintliche "Problem" beginnt also wieder an der Stelle, wo
es in die Oeffentlichkeit getragen wird - genau so, wie im Falle der
oeffentlichen Forderung an jemanden, einen Realnamen zu benutzen...

T.C.
.



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