Re: Unzulaenglichkeiten von Webforen und sterbendes De-Usenet
- From: Chiap Zap <chiap-the-zap@xxxxxxxxxxxxxxxxx>
- Date: 11 Dec 2005 00:52:43 GMT
Lasse Kliemann wrote:
>
> Chiap Zap <chiap-the-zap@xxxxxxxxxxxx> wrote:
>
>
> Das sind interessante Aspekte. Ich hebe zunächst hervor, dass diese
> Vorteile im wesentlichen auf der Dezentralisierung (im beschriebenen
> Sinne) beruhen und keineswegs von der äueren Erscheinung der Foren
> abhängig sind, also insbesondere nicht von deren grauenvollen
> Benutzerschnittstellen.
>
Genau. Eine rein technischer Task, der durch einfaches
Programmieren gelöst werden kann.
> Desweiteren finde ich die simplen Herrschaftsstrukturen solcher Medien
> generell (Webforen und Mailinglisten vor allem) angenehm. Eine solche
> Liste oder ein solches Forum gehört immer jemandem, und der bestimmt
> dort die Regeln, oder eben, noch viel angenehmer, das
> Nichtvorhandensein von gewissen Regeln. Wem das nicht passt, der macht
> sein eigenes Forum auf. Es ist nicht so wie im Usenet, wo sich mal eben
> irgendeine Bande aufschwingt und meint, die Regeln einer Gruppe in
> diversen FAQs (in die Gruppe gepostet oder auf Webseiten hinterlegt)
> festlegen zu müssen, sei es unter Berufung auf einen ominösen
> "Konsens", auf die angebliche Notwendigkeit von Regeln oder auf die
> angebliche tragende Rolle dieser Personen in der Gruppe.
>
Absolut. Die Macht des Infrastrukturbesitzers besteht natürlich
im herkömmlichen Usenet genauso. Der Admincancel spiegelt das
wieder. Aber zusätzlich existiert im Usenet eine weitere Macht,
die dadurch entsteht, dass NNTP-News seriell transportiert
werden. Diese Macht kann auf ferne Server Einfluss nehmen, indem
z.B. Cancels verschickt werden, oder die missliebigen Postings
gar nicht weitergeleitet werden (z.B. Cleanfeed), oder bereits
bei der Einlieferung geblockt oder mit Bedingungen (wie z.B.
einem NNTP-Posting-Host Header) versehen werden, alles Vorgänge,
die auf fremde Server Auswirkungen haben. Diese Struktur hat in
den letzten Jahren leider dazu geführt, dass Serverbetreiber die
Inhalte ihrer Server nicht mehr selber supervisieren, sondern
die Erstellung einer "gültigen Moral" eben jener fernen Macht,
die oft genug missbraucht wurde/wird, überlassen.
Heute besteht die Notwendigkeit nicht mehr, dass jeder alles
kopiert und an den nächsten in der Kette weiterleitet, der es
dann wieder weiterleitet. Im Gegenteil, im Internet ist diese
Nachrichtenverbreitung sogar kontraproduktiv, weil eine
Riesenmenge an Daten transportiert werden, selbst wenn man nur
ganz wenige der Daten wirklich nutzt, etwa indem der
Normalmensch pro Tag kaum mehr als 50 Postings lesen kann. Man
könnte ziemlich genau ausrechnen, ab welcher effektiven
täglichen Nutzungsmenge es für einen Provider lohnend sein
könnte, den ganzen Feed zu beziehen. Es wäre im Prinzip die
gleiche Rechnung wie für einen Proxiserver. Alles was darunter
ist, sollte vom Enduser besser direkt von der Quelle bezogen
werden, und zwar nur gerade das, was er auch liest. Das
bedeutet, dass ein Provider keinen Newsserver mehr betreiben
muss, sondern bloss einen allgemeinen Proxi, der nicht zwischen
Web- und Newsinhalten zu unterscheiden braucht, sondern sich
einfach auf die Nutzungsfrequenz einer Datei ausrichtet. Diese
Struktur bringen die Webforen sozusagen "von Haus auf" mit, sie
sind praktisch automatisch ins Web-Proxisystem eingebunden.
Wenn überhaupt noch Proxis betrieben werden. Doch das geht auch
sukzessive zurück, wie ich in der letzten Zeit beobachten
konnte. Das Netz ist heute so leistungsfähig und die Inhalte so
gut wie instantan verfügbar, so dass sich das Internet dem Host
praktisch als erweiterte Festplatte präsentiert. Von da her
spielt es keine Rolle mehr, ob die News von einem Server bezogen
werden oder von vielen unterschiedlichen. Funktionell besteht
kein Unterschied. Im Extremfall wird jede Newsgroup auf einem
eigenen Server vorgehalten, welcher die Netzlast gut verkrafte
kann, selbst wenn die ganze Welt diese Gruppe von diesem einen
Server bezieht, eben deshalb, weil der ganze Overhead eines
kompletten Feeds dahinfällt. Das (der 1Gruppe-1Server-Ansatz)
ist natürlich theoretisch, in der Praxis kann man die Webforen
vielleicht mit (Sub-)Hierarchien des Usenets vergleichen. Ein
Serverbetreiber, der nur ein Gruppe oder von mir aus wenige
Gruppen zu einem spezialisierten Thema vorhält ist dann auch
viel besser in der Lage, die Supervision selbst vorzunehmen,
zumal er ja meist im betreffenden Fachgebiet selber eine
Kapazität ist, oder er delegiert die Aufgabe an ihm nahestehene
kompetente Spezialisten. Und eben, es gibt keine Monopole, keine
Zwangspolicies, keine inhaltliche Zensur auf Netzebene. Auf
Servereben bestehen selbstverständlich Hoheitverhältnisse, genau
wie bei NNTP-Servern auch, der grosse Unterschied besteht
allerdings darin, dass jeder mit geringem Aufwand ein Forum
anbieten kann, was beim Usenet nicht der Fall ist.
(Forts. in <5905500133717382.913F162C3B2739F7@xxxxxxxxxxxxxxxxx>)
Chiap
--==00==--
It's characteristic of democracy that majority rule is
understood as being effective not only in politics but also in
thinking. In thinking, of course, the majority is always wrong.
(Joseph Campbell)
.
- References:
- Re: Löschen von dro?
- From: Michael Koslowski
- Re: Löschen von dro?
- From: Lasse Kliemann
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- From: W. Wacker
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- Unzulaenglichkeiten von Webforen und sterbendes De-Usenet (was: Loeschen von dro?)
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