Wieder mal...
- From: W. H. Greiner <whgreiner@xxxxxxxxxxx>
- Date: Tue, 28 Oct 2008 22:40:58 +0100
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,587095,00.html
Wieder mal hat eine sogenannte Mutter "ihren" 8-jährigen Sohn
abgemurkst - und wieder einmal trieft die berichterstattende Presse
von Mitgefühl und Verständnis. "Mord einer Mutter" tituliert der
Spiegel zwar kleingedruckt - um dann gleich anschließend in den
einführenden Worten zu konstatieren, Uta G. habe den Mord "verursacht"
- nicht etwa begangen.
Und dann werden gleich der Reihe nach die eigentlichen Schuldigen
vorgeführt: Uta G.'s trunksüchtiger Vater, der ihre Mutter und ihre
Geschwister verprügelt hat; sie selber hat er zwar verschont, trotzdem
"hielt sie es dort nicht mehr aus", nachdem (!) der Vater seine
Trunksucht bewältigt hatte. Warum er gesoffen hat, danach wird
natürlich gar nicht erst gefragt: er war ja ein Mann, also selber
schuld. An Uta G.'s späterer Trunksucht (plus Marihuana plus plus...)
dagegen war selbstverständlich der Vater schuld...
Dann ein Nachbar, der sie als Zehnjährige "sexuell mißbraucht" hat und
dafür 2000 Mark Geldstrafe bekam. Daß das angesichts der
ausgesprochenen Geldstrafe wohl ein vergleichsweise _sehr_ harmloser
Bagatellfall gewesen sein muß, kurz vor dem damaligen Höhepunkt der
Mißbrauchshysterie, als bundesweit zig verdächtigte Personen wegen
(später erwiesenermaßen) NICHTS monate- und jahrelang inhaftiert
wurden - das geht in dem Spiegel-Artikel völlig unter. Stattdessen
suggeriert der Ductus des Artikels, daß der Schuldige (natürlich
wieder ein Mann) für sein angebliches Verbrechen so gut wie überhaupt
nicht bestraft worden sei. Unterstellte Rückwärts-Logik: wenn diese
Frau deswegen ihren eigenen Sohn abgemurkst hat, dann muß dieser
Nachbar sie damals ja wirklich viehisch mißhandelt haben...
Dann drei ihrer vier Brüder, die "es" (was?) dem Nachbarn
"nachgemacht" haben: zwar gar nicht an ihr, sondern an ihrer jüngeren
Schwester, "immer wieder auf dem Dachboden". Sie selber habe nur "aus
Scham geschwiegen": Gott bewahre, natürlich als Mädchen keine
Mitschuld trotz Mitwissens und Schweigens! Minderjährig waren ihre
Brüder immerhin auch, und geschämt werden sie sich dafür wohl
ebenfalls haben, und daß das Mitwissen der Elfjährigen möglicherweise
auch aus einer aktiven Beteiligung an den Doktorspielchen auf dem
Dachboden gestammt haben könnte, ist erst mal ganz und gar
unvorstellbar: denn schließlich weiß man ja, daß bei sowas die Jungs
die bösen Täter und die Mädchen die bedauernswerten Opfer sind. Immer.
Punkt.
Selbst der Vater des ermordeten Achtjährigen erscheint in dem Artikel
mal wieder ausschließlich als Schuldiger, alleinschuldig schon an der
Zeugung: "Auf einer Silvesterparty, wenige Tage später, lernt sie
einen Mann kennen, der von seinem unehelichen Kind genervt ist, keine
weiteren Kinder haben möchte - und wird von ihm schwanger." Klar:
wieder mal so einer, der sich beim wahllosen Herumbumsen weder um die
Verhütung noch um das daraus resultierende Kind gekümmert hat... Ob
sie ihm vorgelogen hat, die Pille zu nehmen, ob sie ihn dann acht
Jahre lang für ein ausschließlich von ihr gewolltes Kind abgezockt und
ihm möglicherweise gleichzeitig den Umgang versagt hat (üblicherweise
der Hauptgrund, weshalb Väter von ihren unehelichen Kindern "genervt"
sind), das ist alles keiner Erwähnung wert - und auch nicht, was die
Tat der Muttter jetzt mit dem Vater anstellt, dessen Sohn da immerhin
gewaltsam in der Badewanne abgemurkst wurde.
Uta G. ist offenbar hoch begabt: trotz Trunksucht und Marihuanakonsum,
trotz psychischer Abstürze bis in die Psychiatrie schaffte sie
immerhin das Abitur und - wenn auch erst 16 Jahre später - ein
Einser-Diplom als Ernährungswissenschaftlerin. Eine Frau also, die
weiß, was sie tut - möchte man meinen. Aber als alleinerziehende
Mutter (was sie unter diesen Voraussetzungen ja wohl ganz allein zu
verantworten hatte) war sie "überfordert" und fing nach zweieinhalb
Jahren wieder das Saufen an (was einem Vater in derselben Situation
als zusätzliche Schuld angelastet würde - aber hier haben wir ja eine
arme, unschuldige Frau als Täterin.) Der Rest war dann letztendlich
berufliches Scheitern trotz vielversprechender Ansätze, mit Endpunkt
Kindesmord und nachfolgendem Suizidversuch.
Fazit des Spiegel-Artikels: "Uta G. konnte gerettet werden. Für sie
ist das wohl die schlimmste Strafe."
Womit der "Spiegel" nun wiederum recht hat: denn erfahrungsgemäß hat
eine Uta G. von unserer Justiz _keine_ schlimme Strafe zu erwarten:
eine zur Bewährung ausgesetzte Haftstrafe von anderthalb Jahren
vielleicht, wegen "Kindestötung unter zeitweise verminderter
Zurechnungsfähigkeit". Und dazu alle nur erdenkliche Hilfe, damit sie
schnell wieder auf die Beine kommt. Wetten?
Vor knapp zwei Jahren hat ein Bekannter von mir in München seinen
kleinen Sohn an Heiligabend getötet. Auch ein hochbegabter Mensch
(Mensaner, also IQ über 130), Alter ähnlich, Tötungsart ähnlich,
Verzweiflung ähnlich (wenn auch hier weit weniger hausgemacht als im
obigen Fall). Damals klang die Presse freilich völlig anders: nix
Verständnis, nix "Überforderung", nix "schlimme Kindheit", nix "selber
Opfer" - da empörte sich die Presse über einen bitterbösen
Gewaltmenschen ohne jegliche mildernde Umstände; als Opfer wurde da
neben dem Kind ausschließlich die arme Mutter bedauert (die feste
dabei war, ihm das Kind zu entziehen). Zu dem in diesem Fall qua
Geschlecht zu erwartenden, _harten_ Urteil kam es allerdings nicht:
denn konsequenterweise plante er seinen eigenen Suizid so, daß er auch
wirklich starb. Obwohl ihm (IT-ler) dazu nicht die beruflichen
Kenntnisse einer Uta G. zur Verfügung standen...
Gruß, Walter
.