Re: Warum gibt es hier keine soziologischen Diskussionen?
- From: Johannes Tigges <news@xxxxxxxxxxxxxxxxx>
- Date: Tue, 07 Mar 2006 15:54:11 +0100
Thomas Koenig schrieb:
Martin Bechmann wrote:
Nun ist die Wikipedia hier ja als ein Beispiel für schlechte Kommunikation
angeführt worden. Kann ja sein, dass sie das bei
soziologischen/umstrittenen Themen auch ist. Vielleicht werden da aber auch
einfach verschiedene Ellen angelegt, ich fand das Niveau vor allem im
Vergleich mit dem Usenet nicht schlecht.)
Ich hatte schon einiges dazu gesagt, warum ich das Usenet der Wikipedia als ueberlegen betrachte. Ich moechte das aber noch weiter ausfuehren. Was Du moeglicherweise an der Wikipedia mehr schaetzt, ist der konzillantere Umgangston. Das ist jedoch mitnichten ein Zeichen von Diskussionsqualitatet: Polemik, Tacheles reden, deckt bestehende Konflikte naemlich viel besser aus als "zivile" Pseudo-Harmonie, die Sachlichkeit vortaeuscht.
Dieser Theorie kann ich wesentlich nur zustimmen, wenn nach Feststellung der Konflikte diese dann auch einigermaßen vernünftig bis sachlich und zweckdienlich gelöst werden können, ist (fast) alles prima...;-)
Konflikttraechtige Standpunkte scheinen mir
aber von der Wikipedia-Struktur und vor allem -Ideologie benachteiligt,
(!) Sehr guter Punkt. Und sicher nicht nur an der Wikipedia festzumachen, sondern auch an vielen anderen Projekten, die sich als Hauptziel eine Gemeinschaftlichkeit, Herrschafts-/Hierarchiefreiheit oder bestimmte "Toleranz"-Ideologie gegeben haben. Konkret konnte ich dies in einigen Projekten betrachten, die ich hier aber nicht näher spezifizieren will, die meisten gaben sich allerdings einen "linken" Anstrich. Anonymisierung des Feldes im Rahmen empirischer Sozialforschung sozusagen. Und ja, teilnehmende, verdeckte Beobachtungen sind methodisch schwer aufzubereiten.
denn vorgeblich arbeitet man ja an einem "gemeinsamen" Projekt,
Das Commitment, um das Projekt zusammenzuhalten, zusammen mit der Ideologie und daraus abgeleiteten Regeln eine Machtquelle für Akteure darin.
obwohl
zwischen den Bearbeitern massive Interessengegensaetze bestehen und die wenigsten wirklich das Kollektivgut "Enzyklopaedie" im Sinn haben.
Das Spiel, das es heißt unbedingt weiterzuspielen, sowie die Eigeninteressen, die in anderen Spielen gespielt werden.
Nocheinmal angesetzt an den genannten Projekten ähnlicher Art trat hier irgendwann das Hauptziel des Projektes ($erreichung_eines_hehren_ziels_oder_erzeugung_eines_tollen_produktes) in den Hintergrund und die Macht- und Geltungsbedürfnisse der Akteure in den Vordergrund (Verschiebung von Primär- und Sekundärzielen) (böse, politisch unkorrekte Zungen würden jetzt behaupten, dass es sich bei diesen Akteuren meist um profilierungsgeile Menschen handelt, die an anderen, bürgerlicheren Stellen keinen großartigen Fuß auf die Erde kriegen). Alles natürlich unter dem Vorwand würde ja nur das $definierte_Hauptziel erreichen wollen.
Mit anderen Worten: Das Hauptspiel weiterspielen, um seine eigenen Nebenspiele (weiter)spielen zu können.
Das Ende war meist, dass die Zielerreichung oder das Hauptspiel soweit in den Hintergrund vor den Nebenspielen getreten ist, dass das Hauptspiel nicht mehr weitergespielt werden konnte, die Organisation brach auseinander.
Nun fragt sich:
- Tritt dies in anderen Organisationen die sich nicht obige Attribute als Wesensbestimmend gegeben haben, weniger auf? (Also Organisationen, in denen formale Rahmenbedingungen oder Strukturen existieren oder dominieren)
- Wie können solch (hoch-)informellen Strukturen optimiert werden?
- Wenn keine formalen Rahmenbedingungen geschaffen werden können
- Welche können wirksam eingesetzt werden, ohne ihrerseits nur , bzw. übermäßig als Machtquelle in mikropolitischen Spielen zu dienen?
Und am Ende ist der konzillantere Umgangston natuerlich auch schlicht Ergebnis des Ausschlusses konfliktwilliger Autoren.
Genau das war auch mein Erlebnis bezüglich oben geschilderter Projekte. Die oben geschilderten Akteure eines Projekteshaben zum Schluss nur noch in ihrem eigenen Sud geschmort, bis das Projekt final gestorben ist.
Gruß
Johannes
BTW:
Wie würde man solche Probleme strukturationstheorethisch nach Giddens aufdröseln? (Von dem ich leider gerade die 9-Felder-Tafel einigermaßen wissensmäßig verfügbar hab)
.
- References:
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- From: Thomas Koenig
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