Re: Bericht der Augustine-Kommission



Michael Khan <mkk707@xxxxxxxxxxx> writes:

Jochem Huhmann wrote:

Was sollen ein paar Leute ohne Ziel und ohne zusätzliche Nutzlast im
LEO? Dafür gibt es schlicht keine Mission.

Genau. Das ist das Zeitschienenproblem. ISS weg, Ares 5 nicht da. Es
ist etwas erstaunlich, dass das nicht vorher auffiel.

Das ist nicht nur ein Zeitschienenproblem. Es bedeutet auch, dass ein
Start einer Ares 1 mitsamt Orion ohne den zeitgleichen oder zeitnahen
Start irgendeiner Nutzlast auf einem anderen Launcher nutzlos ist. Wenn
man aber ohnehin zusätzlich zur Mannschaft noch (viel) Hardware starten
muß, warum dann nicht gleich nur *einen* neuen (großen) Launcher
entwickeln?

Und wirklich *teuer* ist es
auch nicht etwa, ein paar zusätzliche dicke Brummer zu bauen und zu
starten, wenn man die eh schon entwickelt hat, sondern einen weiteren
vollständig anderen Launcher zu entwickeln, samt Start-Infrastruktur und
den ganzen stehenden Armee dahinter. Für die Handvoll geplanter Starts
für beide Raketen ist das wirtschaftlicher Irrsinn.

Die Entwicklungskosten von Ares 1 sind mittlerweile auf 40 Milliarden
USD gestiegen. Damit sich das lohnt, müßte jeder Start einer Ares 1 um
Milliarden billiger sein als ein zusätzlicher Start einer unnötig dicken
Ares 5. Wenn wir hier über mehrere Hundert Starts reden würden, dann
wäre das vielleicht anders, aber es geht um einstellige Zahlen.

Ja, das kann man nicht bestreiten, aber das ist eine etwas anders
gelagerte Diskussion (d.h., es ist gibt an dem Punkt gar keine
Diskussion, denn da sind wir uns einig). Die Frage war aber eher, ob
die Aufgabenverteilung zwischen unbemannter Großrakete und
mittelgroßer bemannter LEO-Rakete sinnvoll ist, und ich denke, dass
das schon nicht ganz verkehrt ist. dass vielleicht eine Version der
Delta IV diese zweite Rolle besser ausfüllt als die Ares I, ist dann
immer noch zu diskutieren. Es spricht in der Tat einiges dafür, dass
das so ist.

Ja, sehe ich auch so. Aber auch die Delta IV oder alles andere hat das
Problem, dass ein paar Leute mit einer Kapsel im LEO dort nix zu tun
haben, also *muss* man eine Großrakete entwickeln und wenn die eh schon
haben muß, dann ist es wirtschaftlich und politisch/strategisch
unsinnig, nur für den Start der Besatzung noch etwas anderes zu
entwickeln. Weil dann nämlich garantiert die Großrakete gestrichen wird,
weil zu teuer. Das Ergebnis ist dann zwar immer noch unsinnig (weil das
Ding kein Ziel hat), aber politisch vertretbar, weil das vorrangige Ziel
nämlich ist: "Die USA muss eine unabhängige Möglichkeit zum bemannten
Raumflug haben". Irrational, aber so ist das nun mal.

Wenn man milliardenschwere, unersetzliche, missionskritische
Einzelanfertigungen an Hardware damit starten will, dann muß das Ding
zuverlässig genug sein, um auch für bemannte Starts herhalten zu können.

Bei eienr Marsmission würde man vorwiegend Tankmodule starten. Bei
einer Mondmission den Mondlander. Bei einer Raumstation oder einer
Asteroidenmission vorwiegend ein Habitat. Keins von den Elementen wäre
unersetzlich oder missionskritisch. Eine Explosion wäre ärgerlich, das
sicher, aber nun auch nicht so dramatisch.

Sie würde die Mission erstmal stoppen und wenn es kein Backup gibt, das
man sehr schnell starten kann, sogar ganz scheitern lassen. Von daher
also schon missionskritisch. Die Annahme, dass man den Launcher für
diesen Teil der Mission billiger und weniger zuverlässig bauen wird,
weil ja keine Menschen an Bord sind, halte ich für nicht realistisch.

Die Rakete nun auch noch für bemannte Missionen auszulegen, erscheint
mir noch als eine ganz andere Anforderung.

Sehe ich nicht so dramatisch. Billiger als zusätzliche 40 Milliarden für
einen weiteren Launcher, der nix kann als ein paar Leute in die
Umlaufbahn zu bringen ist das sicherlich (zumal ein großer Teil der
Sicherheit in der Kapsel samt Rettungsturm steckt). Unter dem Strich
vielleicht sogar sinnvoller als Änderungen an der Delta IV, denn wie
gesagt, auch das unbemannte große Ding muss sehr zuverlässig ausgelegt sein.

Mal ganz davon abgesehen, dass bei der jetzigen Ares 1 genau das schon
ein Riesenproblem zu sein scheint.

Das ist es. Leute in einer Rakete zu starten, bei der man die erste
Stufe, einmal gezündet, nicht wieder auskriegt, egal, was passiert,
das ist ein Sicherheitsmanko. Das hätte man bei einer bemannten Ares 5
auch. Bei einer bemannten Delta 4 beispielsweise ist das Problem schon
mal weg.

Ja, da ist was dran.

Das Problem ist, dass man beide haben muß, weil bei fehlendem Geld
für eine auch die andere sinnlos wird. Und beide kriegen sie nicht, das
war von vornherein klar. Viel zu teuer mit viel zu wenig Nutzen.

Nun koennte man über Alternativen zur Ares I nachdenken, ohne gleich
das Konzept der zwei Raketen umzuwerfen. Die Delta IV ist schon mal
da. Die Atlas V auch. Die Falcon 9 Heavy wird es vielleicht auch
einmal geben. Mit internationalen Partnern koennte man auch sprechen.
Es ist ja nicht so, dass die Orion nun so eine neue und revolutionäre
Technologie darstellen würde wie damals Apollo und dass sich alles
unbedingt auf NASA-Raketen abspielen muss.

Die NASA sieht das sicherlich ganz anders und ohne die NASA gibt es
keine staatliche Raumfahrt in den USA. Da müßte man sehr schmerzhaft
umorganisieren und das will garantiert niemand anpacken... Da hängen
endlos viele Karrieren, Lobbyisten und Geschäftsinteressen dran.

Was jetzt passieren wird, ist moeglicherweise, dass es weder eine Ares
I (gut, das koennte man verschmerzen) noch eine Ares V geben wird,
sondern eine Ares 4 mit aufgeschnallter Aussenlast, vielleicht auch
noch bemannt. Im Prinzip ein Shuttle ohne Flügel, dafür aber mit einer
Kapsel und Rettungsturm. Unsicherer als eine dedizierte Rakete für
bemannte Starts, weniger leistungsfähig als die Ares V, ein Kompromiss
mit fragwürdigem Nutzen, mit dem die existierende Shuttle-Technik noch
endlos weiterverwendet wird. Vordergründig bringtt das geringere
Entwicklunsgkosten, langfristig aber Nachteile.

Die Nutzlast wäre etwa wie beim Shuttle-Orbiter 115 Tonnen im LEO
minus der (erheblichen) Strukturmasse für den Huckepack-Container.
Zuwenig für eine direkte Mondmission, zuwenig für Asteroidenmissionen,
und eine Marsmission bräuchte viel mehr Starts, sodass sich auch keine
Einsparung gegenüber der Verwendung der Ares V ergibt. Dieser
merkwürdige Zwitter wäre allenfalls etwas schneller zu realisieren und
die Shuttle-Industriekonsortien wären weiterbeschäftigt.

Genau aus diesen Gründen ist das die wahrscheinlichste Variante... Eine
Marsmission ist ohnehin aus vielen Gründen reine Utopie, bemannte
Mondmissionen sind wissenschaftlich völlig sinnlos und für's Prestige zu
teuer (und zu gefährlich). Für alles andere reicht diese
Kompromißvariante wahrscheinlich so irgendwie aus.


Jochem

--
"A designer knows he has arrived at perfection not when there is no
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.



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