Re: Warum Minkowskimetrik
- From: "Homo Lykos" <lykos@xxxxxxxx>
- Date: Thu, 23 Mar 2006 21:47:15 +0100
Geschichte der SRT
"Hendrik van Hees" <hees@xxxxxxxxxxxxx> schrieb im Newsbeitrag
news:%joUf.412$EZ6.365@xxxxxxxxxxxxx
Homo Lykos wrote:
Ja eben, allerdings noch nicht in einem Guss, weil erst die
lorentzsche Arbeit von 1904 zusammen mit Poincarés Korrekturen vom 5.
Juni 1905 das Formelwerk "ganz richtig" machte, und ich nehme - je
länger ich mich mit diesen Dingen nun nebenbei etwas befasst habe -
an, dass Einstein seine Arbeit erst nach dem Lesen dieser beiden
Arbeiten fertig gestellt hatte, womit Einsteins Arbeit sicher keine
Priorität, aber vermutlich auch keine Unabhängigkeit zukommt.
Es kommt ihm sicher keine Priorität in der mathematischen Formulierung
zu, aber sicher in der physikalischen Interpretation.
Dumm nur, dass die physikalische Interpretation noch viel älter ist als die
mathematische Formulierung
Ich bitte Sie stichwortartig zusammenzufassen, was Sie unter dieser
Interpretation verstehen. Das ist nämlich die Butter, die ich schon
gestern vermisst habe.
Der Witz dieses Papers ist die Beseitigung der Asymmetrien, die nur in
der "gegenwärtigen Auffassung der Elektrodynamik", nicht aber in der
Natur zu finden sind.
Positiv ausgedrückt heisst das doch, dass der Witz dieser Arbeit das
Relativitätsprinzip ist, das nur in der "gegenwärtigen Auffassung der
Elektrodynamik" verletzt wird, nicht aber in der Natur.
Wenn Sie mit dieser Umformulierung einverstanden sind und dies als
Kernbeitrag von Einsteins Beitrag zur SRT ansehen, dann ist es ein Leichtes
zu beweisen, dass dieser Gedanke in grosser Ausführlichkeit von Poincaré in
La Science et l'Hypothèse (1902) ausgeführt worden ist, ja dass er in diesem
Buche sogar gefordert hatte, dass die Lorentztheorie noch dergestalt
abzuändern sei, dass sie diesem Prinzip in voller Allgemeinheit gehorche,
weil Poincaré 1900 bzw. hier 1902 noch nicht erkannt hatte, dass die
Lorentztheorie diesem Prinzip bereits gehorchte. Das hat formal - aber nicht
physikalisch! - dann eben erst Lorentz noch leicht fehlerhaft 1904 erkannt.
Poincaré brauchte in seiner Arbeit von 1905 diese interpretativen Aspekte
nicht nochmals speziell zu betonen, da er dies schon zuvor in aller nur
denkbaren Ausführlichkeit getan hatte, sowohl 1902 in La Science et
l'Hypothèse und dann wieder im September 1904 in seinem Vortrag in St.
Louis, in dem er auch erstmals explizit das Wort Relativitätsprinzip
benutzte. Dieser Vortrag erschien noch im Herbst 1904 in [1] (siehe unten)
und kurz danach auch im berühmten Büchlein La Valeur de la Science, das
meines Erachtens vermutlich der unmittelbare Auslöser für Einstein war seine
eigene SRT-Arbeit zu beginnen, denn in diesem Büchlein findet man die SRT
ideenmässig bereits in Prosa vorliegen, während Poincaré die formale Seite
der Sache erst in seiner Juni/Juli-Arbeit 1905 abhandelte, wo er aber in
wichtigen Punkten bereits weit über Einsteins Arbeit von 1905 hinausging.
Mit La Science et l'Hypothèse haben sich Einstein und seine Kollegen der
Akademie Olympia in Bern während Wochen ausführlich
beschäftigt, wie wir vom "Olympia-Mitglied" Maurice Solovine wissen, der
später in Paris lebte. Dass Einstein auch La Valeur de la Science oder
mindestens [1] schon vor Beginn seiner SRT-Arbeiten im Frühjahr 1905 kannte
ist zwar äusserst wahrscheinlich, aber bisher meines Wissens nicht bewiesen.
Kurz: Die SRT-Ideen, die man heute fälschlicherweise Einstein zuschreibt,
stammen samt und sonders von Poincaré, und Einstein hatte sie nur von
Poincaré übernommen, allerdings ohne ihn zu zitieren.
Einstein dürfte selber wohl recht überrascht gewesen sein, dass man ihm dies
damals als seine eigenen Ideen abnahm, hat dann aber wohl seine sich daraus
ergebende Chance erkannt und wahrgenommen, was man ihm in seiner damaligen
Situation am Patentamt in Bern nicht mal wirklich übel nehmen kann. Schwerer
zu entschuldigen sind da schon andere wie z.B. Planck und wohl auch
Sommerfeld, denn dass die das nicht gewusst haben sollten, nehme ich ihnen
nicht ab.
Ich bin nun aber sehr gespannt, ob Sie oder andere diesbezüglich nicht doch
noch irgend einen Punkt zugunsten von Einstein finden. Mir ist das bisher
nicht gelungen.
Warum Du mich deshalb gleich siezt, verstehe ich allerdings nicht. Ich
hoffe jedenfalls, ich habe Dich nicht irgendwie persönlich beleidigt.
Ich sieze *alle* in solchen Diskussionsrunden, und siezen ist in deutscher
Sprache keine Beleidigung!
(1) Bull. des Sciences Mathématiques, deuxième Série, tomé XXVIII, 1904:
L'État actuel et l'Avenir de la Physique mathématique, Conférence lué le 24
septembre 1904 au Congrès d'Art et des Science de Saint-Louis, Seiten 302 -
324
Homo Lykos
--
Ceterum censeo: Zur Ehre Galileis,
zur Freude der Grossen der Physik von Planck, Einstein bis Heisenberg
ermögliche man auch wieder deutschsprachige Physikveröffentlichungen.
.
- References:
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