Re: Beschleunigte Uhren



"Philo" <philo100@xxxxxxxxxx> schrieb:

... Die vorgebliche "Analyse", die Lorentz vorgenommen hat, ist nicht etwa
eine Analyse sondern eine mathematische Maskierung des Problems zur
Rettung seiner Theorie. Nach Poincaré häufte Lorentz lediglich "Hypothese
auf Hypothese".

Das sagte Poincaré nur, *bevor* er von Lorentzens SRT-Arbeit von 1904 voll
Kenntnis genommen hatte (Sie haben mich mit Ihrer Aussage nun aber zu
einem kleinen historischen Exkurs "provoziert"):

Zwar steht das tatsächlich noch in seinem Vortrag von St.Louis, den er im
Herbst 1904 hielt [1], nachdem er die SRT-Arbeit von Lorentz offenbar schon
gelesen hatte. Aber man sieht deutlich, dass er nicht mehr die Zeit gefúnden
hatte, die *völlig* neue Situation bereits überall in diesen Vortrag
einfliessen zu lassen.

Achtung für Lorentzens Theorie empfand Poincaré "schon immer", auch als er
1902 noch glaubte, sie sei noch zu modifizieren, um dem Relativitätsprinzip
in Strenge Genüge zu tun, aber die Hochachtung, die aus seinen Worten in
seiner eigenen prioritätssichernden SRT-Arbeit vom 5. Juni 1905 [3] in den
höchst angesehenen Comptes rendus spricht, ist kaum noch zu überbieten (er
nennt - wie ich meine mit gutem Grund - die eigentlich von (Voigt) und
Larmor stammenden Transformationen ab jetzt Lorentztransformationen),
nachdem Lorentz - noch etwas fehlerhaft - gezeigt hatte, dass seine Theorie
in Strenge das Relativitätsprinzip erfüllt:

******
" Lorentz a cherché à compléter et à modifier son hypothèse de facon à la
mettre en concordance avec le postulat de l'impossibilité complète de la
détermination du mouvement absolu. C'est ce qu'il a réussi à faire dans son
article intitulé "Electromagnetic phenomena in a system moving with any
velocity smaller than that of light" (Proceedings de l'Académie d'Amsterdam,
27 mai 1904).

L'importance de la question m'a déterminé á la reprendre; les résultats que
j'ai obtenus sont d'accord sur tous les points importants avec ceux de
Lorentz; j'ai été seulement conduit à les modifier et à les compléter dans
quelques points du détail. "

Le point essentiel, établi par Lorentz, c'est que les équations du champ
électromagnétique ne sont pas altérées par une certaine transformation (que
j'appellerai du nom de Lorentz) et qui est de la forme suivante:

(1) x'=kl(x+et), y'=ly, z'=lz, t'=kl(t+ex) [e steht für epsilon]
.....

L'ensemble de toutes ses transformations, joint à l'ensemble de toutes les
rotations de l'espace, doit former un group; mais pour qu'il en soit ainsi,
il faut que l=1; on est donc conduit à supposer l=1 et c'est là une
consèqunce que Lorentz avait obtenue par une autre voie.
******

Zu obigem 2. Abschnitt:

Was für ein Unterschied zu Leuten, die sich berechtigt fühlen Theorien zu
verwerfen, weil sie irgendwo irgendwelche Rechenfehler gefunden haben:

Nicht so Poincaré: Er korrigiert die - durchaus wesentlichen - Fehler ohne
aber deswegen die Priorität an der SRT, der neuen Mechanik oder
Lorentzrelativität, mit Lorentz auch nur teilen zu wollen.

Zu obigem letztem Abschnitt:

Dieser Abschnitt beweist, dass Pais in seiner Biographie über Einstein
offenbar - fast sicher wissentlich - die Unwahrheit geschrieben hatte, als
er behauptete, Poincaré habe das Gruppenargument erst nach Einstein gefunden
(siehe den Abschnitt "Poincaré im Jahre 1905"). Ganz im Gegenteil wirkt
Einsteins "Gruppenhinweis" meines Erachtens in seiner eigenen Arbeit
irgendwie wie ein Fremdkörper, was ein starker Hinweis darauf ist, dass
Einstein damals Poincarés Arbeit vom 5. Juni 1905 schon gelesen hatte. Weil
Poincaré die Arbeit von Lorentz ausführlich zitiert, glaube ich darum
heute - im Gegensatz zu früher - nicht mehr, dass Einstein Lorentzens Arbeit
bei der Fertigstellung seiner eigenen Arbeit unbekannt war. Trotzdem bleibt
Einsteins Arbeit ein didaktisches Meisterwerk, dem die SRT primär ihren
frühen Erfolg verdankt, auch wenn Einstein offensichtlich bezüglich der
speziellen Relativitätstheorie keine Priorität zukommt.

Klarheitshalber halte ich aber fest, dass ich überzeugt bin, dass es ohne
Einstein die ART in ihrer heutigen Form nicht geben würde.

... Sie [die Lorentzsche Theorie] steckt in der SRT wie der wirkliche
Schauspieler in seiner Verkleidung.

Sie steckt nicht drin: Sie *ist* die SRT bis auf interpretative "Feinheiten"
und einige Fehler, die Poincaré behoben hatte. Dass Einsteins Ideen die
Gleichen waren wie die, von denen Poincaré schon vorher ausgegangen war, sah
z.B. ganz explizit auch Max Born so.

Übrigens mitsamt ihrem Mitbringsel, dem Äther. ...

Ja sicher; Grenzgeschwindigkeitsphysik kann man eben mit manifest sichtbarem
Absolutsystem formulieren, wenn man die Bahndammuhren als Zeitmass benützt
oder man kann sie mit manifest sichtbarem Relativitätsprinzip formulieren,
wenn man die Taschenuhren als Zeitmass benützt. Letzteres nennt man dann die
SRT. Das mit der Grenzgeschwindigkeit war Lorentz aber 1904 überhaupt noch
nicht klar, während Poincaré dies in seinem Vortrag in St. Louis bereits
explizit und in aller nur möglichen Deutlichkeit formulierte, was Einstein
mit allergrösster Wahrscheinlichkeit wohl etwa Anfang 1905 Poincarés
Veröffentlichungen in [1] und/oder [2] entnahm.

Meine eigene, grundsätzliche Haltung zur SRT deckt sich weitgehend mit der
von Poincaré. Ich zitiere aus Poincarés Juliarbeit von 1905 [4], in der
Poincaré in sehr wichtigen Punkten weit über Einstein hinaus geht:

*****
Comment faisons-nous nos mesures? En transportant, les uns sur les autres,
des objets regardés comme des solides invariables, répondrat-on d'abord ;
mais cela n'est plus vrai dans la théorie actuelle, si l'on admet la
contraction lorentzienne. Dans cette théorie, deux longueurs égales, ce
sont, par définition, deux longueurs que la lumière met la même temps à
parcourir. [konsequenterweise setzte Poincaré als Erster seit dem Frühjahr
1905 c=1, auch in seiner Arbeit vom 5. Juni 1905]

Peut-être suffirait-il de renoncer à cette définition, pour que la théorie
de Lorentz fût aussi complètement bouleversée que l'a été le système de
Ptolémée par l'intervention de Copernic. Si cela arrive un jour, cela ne
prouvera pas que l'effort fait par Lorentz ait été inutile ; car Ptolémée,
quoi qu'on en pense, n'a pas été inutile à Copernic.
*****

Das ist wohl DER Unterschied zu Einstein: Poincaré hielt die Lorentztheorie
(SRT) nicht unbedingt für eine "endgültige" Theorie; er dachte schon bei
ihrer Aufstellung an einen allfälligen Kopernikus, der dann erst die
"definitive" Interpretation liefern würde, und Einstein war das nach
Poincarés Beurteilung ganz gewiss nicht, da der aus grundsätzlicher Sicht
nichts beigetragen hatte, was Lorentz und insbesonderé Poincaré nicht schon
vorher wussten. Das scheint Poincaré meines Wissens bzw. nach meiner
Erinnerung etwa 1911 auch mal in aller Deutlichkeit in Berlin sinngemäss
etwa so gesagt zu haben. Ansonsten hat er sich aber damit begnügt Einstein
im Zsammenhang mit der SRT systematisch zu ignorieren.

Falls jemand ehrlich interessiert sein sollte, aber kein Französich kann,
werde ich die Zitate übersetzen.


Referenzen:

[1] Bull. des Sciences Mathématiques, deuxième Série, tomé XXVIII, 1904:
L'État actuel et l'Avenir de la Physique mathématique, Conférence lué le 24
septembre 1904 au Congrès d'Art et des Science de Saint-Louis, Seiten 302 -
324 (zur gleichen Zeit - mindestens im gleichen Jahr - fand in St. Louis
auch eine Weltausstellung statt, weshalb man die beiden Veranstaltungen
manchmal verwechselt; ist mir z.B. passiert.)

[2] Den gleichen Text findet man in: "La Valeur de la Science" von Ende 1904
oder Anfang 1905 als Kapitel 7 bis 9 und im Kapitel 2 findet man "La mesure
du temps" von 1898, wo meines Wissens erstmals explizit der Begriff der
Relativität der Gleichzeitigkeit in aller nur denkbaren Deutlichkeit
eingeführt wurde, nicht als Muss, sondern als Mittel die physikalischen
Gesetze möglichst einfach formulieren zu können.

[3] Sur la Dynamique de l'Électron, Comptes rendus, Akademie-Sitzung vom 5.
Juni 1905, erschienen am 11. Juni 1905:
http://www.soso.ch/wissen/hist/SRT/P-1905-1.pdf

[4] Sur la Dynamique de l'Électron, Rendiconti del circolo matematico di
Palermo, eingereicht am 23. Juli 1905, erschienen am 2. März 1906:
http://www.soso.ch/wissen/hist/SRT/P-1905.pdf


Homo Lykos

--
Ceterum censeo: Zur Ehre Galileis,
zur Freude der Grossen der Physik von Planck, Einstein bis Heisenberg
ermögliche man auch wieder deutschsprachige Physikveröffentlichungen.


.



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