Re: Wittgensteinfrage
- From: Hubert Hövelborn <hubert.hoevelborn@xxxxxxxxxxxxx>
- Date: Wed, 13 Feb 2008 13:44:29 +0100
"Helmut Leitner" schrieb
Mittagsbruder wrote:
PU 629: Wenn Leute über die Möglichkeit eines Vorherwissens
der Zukunft reden, vergessen sie immer die Tatsache
des Vorhersagens willkürlicher Bewegungen.
Kann man von Willensfreiheit reden, wenn es moeglich ist,
zukuenftige Ereignisse schon jetzt zu wissen? Gerade eben!
Denn es ist ein Kriterium willkuerlicher Bewegung, dass man
sie - im Gegensatz zu unwillkuerlichen (unerwarteten) -
vorhersagen kann. Das ist keine philosophische These,
sondern eine Beschreibung von Grammatik, nicht aber von
Phaenomenen.
Das, was Wittgenstein beschreibt, ist sein phänomenologische Sicht
davon, wie "Leute" sich verhalten, wie sie "reden" oder "vergessen".
Das sind seine Phänomene, die er untersucht.
Seiner eigenen Wahrnehmung gegenüber Aspekten dieser
Phänomene wie "immer"
W. drueckt sich nicht technisch, sondern umgangssprachlich aus,
in dem Sinne etwa, in dem, wenn ich sage "Nachmittags bin ich
immer muede" nichts Absolutes (auf alle meine Nachmittage
Zureffendes) gesagt ist; man kann als "immer" in PU 629 z.B.
durch "sehr oft" ersetzen, ohne das, was gemeint ist, zu verfehlen.
"Tatsache des vorhersagens willkürlicher Bewegungen"
ist er nicht kritisch, sondern dogmatisch.
Auch "Tatsache" ist hier umgangssprachlich im Sinne von "dass
es wirklich vorkommt, dass..." verwandt.
Leute, sagt Wittgenstein, vergessen in der Regel, wenn sie auf
die Meinung verfallen, dass eine Voraussage der Zukunft die
Willensfreiheit ausschliesst, dass sie ihre "freien" Handlungen
beabsichtigen.
Ich würde behaupten, dass weder Du noch ich noch Wittgenstein
in der Lage sind/waren willkürliche Bewegungen vorherzusagen.
Ich kann z. B. nicht vorhersagen, was du als Antwort tippen
wirst und vice versa.
Du kannst nauterlich nicht meine Antwort vorhersagen. Aber
wenn Du z.B. jemandem drohst oder sagst, wohin Du naechste
Woche in Urlaub faehrst, dann ist das eine Voraussage einer
willkuerlichen Handlung. W. erinnert nur daran, dass jede willkuerliche
Handlung die Funktion einer Absicht ist und als solche von ihrem
Agenten vorausgesagt werden kann, weswegen in Voraussagen
Willensfreiheit liegt, nicht etwa davon ausgeschlossen wird.
Das ist, wenn man es genauer betrachtet, eine Trivialitaet...
Diese Diskussion ist ziemlich merkwürdig. Denn wenn ich sage, wohin ich
nächste Woche auf Urlaub fahre, dann mache ich keine Vorhersage, sondern
ich sage etwas über meine Absicht. Ich könnte auch krank werden oder
sonstwie am Urlaub gehindert werden, sodass die Vorhersage nicht eintritt,
somit nicht korrekt ist. Wir bewegen uns im Rahmen einer Tautologie,
verschieden erscheinenden Ausdruckformen für unsere Absichten.
Das ändert nichts daran, dass Menschen im allgemeinen, wenn sie über die
Möglichkeit der Vorhersage der Zukunft sprechen, nicht von ihren eigenen
Absichten und ihren Folgen sprechen, sondern von einer abstrakten
Möglichkeit, die Zukunft vorherzusehen. D. h. Wittgenstein geht am
Wesen dessen, um was es anderen Menschen dabei geht, vorbei.
Ich verstehe diesen einzelnen Paragraphen gerade entgegengesetzt:
Es gibt danach eben keine abstrakte Möglichkeit, die Zukunft vorher-
zusehen sondern allenfalls eine konkrete Möglichkeit eines Vorher-
wissens.
(Es steht da ja nicht einfach Vohersage sondern Möglichkeit eines
Vorherwissens. Vorhersage ist also lediglich die sprachliche Form,
welche aber als Ausdruck von Wissen gilt oder gelten soll.)
Konkret deshalb, weil das Vorherwissen entweder mit einer Handlungs-
freiheit zusammenhängt (man könnte dann vergessen, dass diese
willentlich eingeschränkt sein muss und unwillentlich eingeschränkt
sein kann um eine Wirkung vorherzuwissen) oder mit theoretisch-
praktischen Bedingungen (man könnte dann vergessen, dass das
Vorherwissen davon abhängt, dass innerhalb einer Theorie und
konkreten Rand- und Rahmenbedingungen willentlich etwas aus-
oder eingeschlossen ist. Man kann also nicht Vorherwissen ohne
Willen mit Bezug auf die Verhältnisse oder die Gegenstände über
die man etwas wissen will.
Mit freundlichen Grüßen
Hubert
.
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