Re: Tempelschmuck (war: Re: Kirchenschmuck)
- From: Uwe Flehmig <uwe-flehmig@xxxxxxxxxxx>
- Date: Tue, 20 Jun 2006 16:31:30 +0200
Günter Lelarge schrieb:
Uwe Flehmig <uwe-flehmig@xxxxxxxxxxx> wrote:
[...]
Mich würde interessieren, Herr Lelarge, was Ihnen an diesen Motiven -
vielen Dank übrigens für die Mühe, sie photographiert und eingestellt zu
haben - so unpassend für die christliche Kunst erscheint. Mir kommen sie
durchaus typisch für die sakrale mittelalterliche Kunst vor.
Sie kommt ihnen so typisch vor, weil sie sich daran gewöhnt haben,
Motive an romanischen und gotischen Kirchen für typisch christlich zu
halten, weil ihnen nie in den Sinn käme, dass bis ca 1500 das
Heiden-/"Ketzertum" die Szene und auch noch Boschs Gemälde -
beherrschte.
Schön und gut, Herr Lelarge. Aber eine Antwort auf meine Frage ist das nicht! Denn ich wollte nicht wissen, daß Sie daran glauben, um 1500 sei erst das Christentum entstanden - dies ist ja nun seit ein paar Tagen bekannt, obwohl es in Widerspruch zu unzähligen Ihrer vorigen Äußerungen steht, aber sei's drum -, nein; was mich interessiert hätte, wäre eine ästhetisch-religiöse-kunsthistorische usw. Begründung.
[...]
Dass Gaia/Terra und Poseidon romanische Kirchen schmücken, ist nur
deshalb typisch fürs Christentum, weil sie -und nicht Christus oder die
Apostel- die romanischen Tempel schmücken
Nun, tatsächlich ist es so, Herr Lelarge, daß lange nicht in allen romanischen oder gar noch älteren Kirchen heidnische Motive zu finden sind.
Doch davon mal abgesehen. Viele der hier von Ihnen präsentierten Bilder zeigen doch ganz und gar Unheidnisches. Bei manchen Motiven scheinen natürlich Fabelwesen durch - *dies* jedoch ist m.A.n. nichts Unchristliches. Im Gegenteil: Es gehört in den Kulturkreis des Christentums, das Fabelhafte - auch Monströse - ausgemalt zu haben. Keineswegs nur in der bildenden Kunst! Es begegnet vielmehr auch in der Literatur und im Erzählschatz.
Schon deshalb, weil die Schrift selbst davon nicht frei ist. Und auch nicht das Leben der Kirchenväter. Ich erinnere nur an den Hl. Antonius und seine oft beschriebene und divers bearbeitete 'Versuchung'. H. Bosch hat darüber ein wunderschönes Bild gemalt. Jedesmal, wenn ich in meiner großen Liebe unter den Städten dieser Erde - Lisboa - bin, statte ich diesem Werk einen Besuch ab. Mir wäre vollkommen unverständlich, würde jemand sagen, es sei unchristlich! Sicher ist es *ungewöhnlich*, aber zwischen diesem und jenem klafft ein qualitativer Unterschied, Herr Lelarge.
Ich habe bspw. in Burgos/Spanien ein verwandtes Bild gesehen, qualitativ nicht mit Bosch auf einer Höhe, aber von diversen Motiven her durchaus. Es geht dabei um's Dämonische, was für die christliche Welt tagtägliche Realität war. Und allem Realen - nicht minder freilich dem Transzendenten - haben die Künstler des MA Ausdruck verliehen.
Dazu tritt ein Weiteres: Durch die Tradierung der artes liberales waren Teile der antiken lit. Überlieferung, auch der mythologischen (man denke an Ovid!) im MA durchaus präsent. Wir dürfen getrost davon ausgehen, daß diese Dinge in der Kommunikation zwischen den kirchlichen Auftraggebern und den Baumeistern eine gewisse Rolle gespielt haben. In einem etwa anderen Zudsammenhang ist das schön von Erwin Panofsky untersucht worden - nämlich hinsichtlich des Nexus zwischen Gotik und Scholastik. Wir müssen nicht unterstellen, daß dies ein Einzelfall in der Kunstgeschichte war. So was wird auch früher schon der Fall gewesen sein. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Debatte über die Funktion der Bilder im Karolingerreich. - Man vertrat seinerzeit durchaus eine bilderfeindliche Politik, allerdings ist das nie so recht *praktiziert worden wie seinerzeit in Byzanz.
Warum wohl nicht? Nun, ich meine, daß eine beinahe vollkommen illiterale Gesellschaft eines Bildprogrammes bedarf - und nun wäre es aber absurd zu glauben, solche Bildprogramme könnten sich längere Zeit ohne Rückbindung an den common sense durchsetzen lassen. Will sagen: Auch, was an volkstümlichen Vorstellungen, an dunklen und heiteren Geschichten kursierte, ist wohl in die sakrale Kunst eingeflossen - sonst hätte der Glaube wohl kaum eine Stärkung und Tradierung erfahren können. Die Menschen mußten sich darin wiederfinden. Wie es zugeht, wenn der ikonographische Standard keine Bodenhaftung mehr hat, zeigen jene Beispiele, wo derartige ästhetische Konzepte - und damit zumeist auch gleich die ganze Ideologie - gescheitert ist. Man denke an Echnaton, man denke an den sog. 'Sozialistischen Realismus', man denke auch an die, freilich vielschichtigere, "Ästhetik" der Nazis.
die die meisten für
katholische Kirchen halten, obwohl nichts an das Christentum erinnert -
außer der Bekanntlichkeit, dass sie christlich sind.
Sie übertreiben m.E., Herr Lelarge. Ich kenne viele Kirchen, auch vorromanische, in denen es keine und nur sehr wenige heidnische Elemente gibt. San Ambrogio in Milano z.B.. Oder schöne alte Steinkirchlein in den Pyrenäen. Mir kommen auch Quedlinburg oder Gernrode nicht sehr "heidnisch" vor (die Bsp. ließen sich beliebig vermehren), genausowenig wie Speyer. - Sie möchten doch wohl nicht andeuten, Speyer sei ein "heidnischer Tempel" gewesen?
[...]
Mit Illigs Toppers These der späten Entstehung der Romkirche und des
langen Bestandes des "Heidentums" lässt sich der Bilderschmuck dieser
Tempel bis 1500 verstehen.
Nein, das sehe ich anders. Es ließen sich ja stets auch nicht-heidnische Elemente ausmachen, Herr Lelarge. Wie würde Sie die dann erklären?
Ich wünschte mir, Sie würden mal eine Antwort auf meine Frage vorlegen.
Mit freundlichen Grüßen
Uwe Flehmig
Günter
.
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