Re: 2.Weltkrieg



Michael Pronay <me@xxxxxxxxxxx> schrieb:

>Gerade das macht ja die NS-Geschichte so unheimlich: dass sich
>gebildete, kultivierte, akademisch-bildungsbürgerliche Kreise dem
>Schicklgruber in einer Art an den Hals geworfen haben, dass einem
>das Kotzen kommen möchte.

Wie war es denn tatsächlich um Bildung und Kultur in diesen Kreisen
bestellt?

Der universal gebildete, kultivierte Mensch war eine bürgerliche
Zielvorstellung und Selbststilisierung des 19. Jahrhunderts, ein
Konstrukt, das hilfreich war bei der Suche nach einer eigenen
bürgerlichen Identität, aber mit der bürgerlichen Realität hatte es
nie sehr viel zu tun.
Heinrich Mann hat ja in seinem "Der Untertan" schon mal einen anderen
Typus des Bürgers beschrieben, der durchaus auch mit akademischen
Weihen ausgestattet war

Man sehe sich die Mächtigen und Wohlhabenden an. Sie haben studiert,
sind dadurch aber allenfalls Fachidioten geworden, sie werfen mit ein
paar Bildungsversatzstücken herum, die nichts mit einem tieferen
Verständnis der Welt oder anderer Denkweisen als der eigenen zu tun
haben. "Kultur" nutzen sie entweder als banale Unterhaltung oder als
gehobenen prestigeträchtigen Konsum ("und dann saßen wir bei den
Wiener Philharmonikern in der ersten Reihe. Ein Erlebnis"). Sie würden
sich selbst jederzeit als Bildungsbürger bezeichnen, doch wirklich
gebildete Leute halten sie für suspekte Spinner, windige
Intellektuelle und Hungerleider.

In den Romanen aus den 20er Jahren, in vielen kleinen Skizzen zum
Beispiel von Kurt Tucholsky wird diese Mentalität beschrieben.

Hinzu kommt noch, dass der Anteil der akademisch Ausgebildeten an der
Bevölkerung ohnehin sehr gering war, und noch geringer die Zahl
derjenigen, die man tatsächlich als bildungsbürgerlich im hehren Sinne
bezeichnen könnte. Wie klein diese Zahl war, merkt man schon daran,
dass man beim Lesen von Erinnerungen, Biografien usw. den Eindruck
hat: Sie kannten sich alle gegenseitig. Das Bild ihrer Bedeutung wird
ein bißchen verfälscht, weil wir von dieser winzigen Gruppe natürlich
sehr viel mehr überliefert bekamen als von den anderen Leuten.

Das Bildungsbürgertum, von dem man hätte erwarten können, dass es
erkennt, wer die Nazis sind, und dann handelt, scheint mir letztlich
eine Fiktion zu sein, Produkt eines bürgerlichen Selbstverständnisses,
das sich immer über das Parvenühafte der Bourgeois hinwegzutäuschen
versuchte.
Es gab Leute, die ein Zertikat von einer Universität hatten, die
wussten, wie man mit Besteck korrekt umgeht, die einen gehobenen
Konsum pflegten usw. Doch diese Juristen, Mediziner,
Naturwissenschaftler, Wirtschaftslenker usw. haben in ihrer großen
Mehrheit nie dem bildungsbürgerlichen Ideal entsprochen.
Ich vermute mal, sie tun es heute sogar eher als damals in den 20ern
und 30ern.

Gruß
Gerald

--
http://www.boen-end.de
.



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