Re: Sitcoms und Synchro
- From: "Stefan Nowak" <minhas.terra@xxxxxxxxxx>
- Date: Sun, 21 Aug 2005 14:10:52 +0200
Thorsten Roskowetz wrote:
>> Klar ist das subjektiv, keine Frage, aber es ist nicht nur das
>> Exotische. In jeder Sprache drückt sich auch eine Mentalität aus, so
>
> Und welche Mentalität drückt die englische Sprache deiner Meinung
> nach aus?
Wie gesagt, das Emotionale wird mehr betont. Das ist ja bei den Amis
recht offensichtlich IMHO. Leider halt sowohl in positiver als auch in
negativer Richtung.
Eine derartige Emotionalisierung von Themen wie Religion, Abtreibung,
Alkohl oder Prostitution wäre bei uns wohl nur schwer vorstellbar. Aber
in die positive Richtung funktionierts genauso, was die "Literatur", die
Musik und Film/Fernsehen angeht, haben sie emotional gesehen auch
einiges auf dem Kasten.
> Und siehst Du nicht auch entscheidende Unterschiede
> zwischen der amerikanischen und der britischen Mentalität? Die
> Sprache ist ja grob gesehen fast identisch ;-)
Ja, doch. Deshalb finde ich auch eher das amerikanische Englisch
faszinierend. Das englische Englisch ist aber von der Aussprache (zb
lassen manche Amis bei englischen Filmen/Serien die Untertitel
mitlaufen!) und auch vom Dialekt her manchmal doch ziemlich verschieden.
>> auch im Englischen, und diese mag ich, zusammen mit der Sprache
>> selber. Für mein Gefühl kommen im Englischen Gefühle einfach
>> unverstellter und direkter rüber, ohne viel Analyse und Distanz.
>
> Aber liegt es wirklich an den beiden Sprachen, oder an deiner
> Perspektive? Ich will Dir deinen subjektiven Eindruck ja gar nicht
> wegdiskutieren, aber mir ist hier in der Gruppe schon oft aufgefallen,
> dass viele hier dazu neigen, banale und manchmal auch holprige
> Dialoge im englischen Original kritiklos hinzunehmen oder sogar in
> höchsten Tönen zu loben, ähnlich schlechte Dialoge in deutschen
> Serien/Filmen oder in der Synchro aber heftigst zu verreissen.
Sicher gibts auch miese Dialoge im Englischen, keine Frage. Und sicher
bin ich auch voreingenommen. Aber das Verhältnis der guten zu den
mittelmässigen und miesen Serien (vom Dialog, der Glaubwürdigkeit und
der "Schauspielkunst" her) ist bei den Amis weit besser.
Um ein relativ seriöses Beispiel herzunehmen: Warum ist wohl "West Wing"
in Amerika weit populärer als "Das Kanzleramt" (allein schon bei dem
Titel ziehts mir alles zusammen)? Aaron Sorkins Scripte sind wirklich
äusserst unterhaltsam und informativ, das macht sogar das Lesen (!)
schon Spass....
> Und ich versuche mir zu erklären, warum das so ist. Der Coolness-
> Faktor der fremden Sprache ist sicher einer der Gründe. Ausßerdem
> fallen einem Muttersprachler solche Holprigkeiten wohl eher auf.
Für mich ist der Coolnessfaktor eher zu vernachlässigen. Die Amis wissen
einfach, wie man gute Unterhaltung macht. Gute Unterhaltung, die noch
dazu nicht total trivial ist und auch ein gewisses Mass an "innerer
Logik" hat.
Und die deutsche Sprache _ist_ einfach meistens holpriger, da führt kein
Weg vorbei. Ein weiteres Beispiel: Ich les gerade ein Buch, eine Person
wird beschrieben, eine Eigenschaft von ihr ist, dass sie kein besonders
geselliger Mensch ist und nichts für Vereine und gesellschaftliche
Verpflichtungen übrig hat. Wie hat der Autor das beschrieben im
Original? Ganz einfach, er schrieb "She wasn't a joiner." So einfach und
doch zugleich so präzis geht das im Englischen.
>> Oh, das ist ein sehr gutes Beispiel :-) Warum? Wie bereits oben
>> gesagt, Mentalitätsunterschiede. "I hurt" heisst wörlich übersetzt
>> "ich schmerze" (man beachte hier das Subjekt!). Wogegen es geht mir
>> nicht gut, ich bin verletzt/gekränkt weit abgeschwächter rüberkommt,
>> wegen dem "es" und wegen dem "ich _bin_".
>
> Tatsächlich ist die korrekte Übersetzung in diesem Kontext wohl eher
> "Ich leide". "Ich bin verletzt" ist zu wörtlich übersetzt.
Ich leide würde im Englischen aber eher "I'm suffering" heissen. Für "I
hurt" müsste man IMHO im Deutschen ein ganzes Bündel an Umschreibungen
vereinen. Ich versuch es einmal. Am Ehesten vielleicht so: "Ich bin im
Moment total bekümmert und am Boden zerstört. Mir tut alles weh, so
traurig und verletzt bin ich."
Ein anderes Wort, dass sich auch nur sehr schwer ins Deutsche übersetzen
lässt (weil es so viele Konnotationen hat) ist "kind". Nämlich das
"kind", dass in einer Phrase wie "You are a really kind soul." vorkommt.
>> Wenn es mir wirklich nicht gut geht, wenn ich zb schweren
>> Liebeskummer habe, dann passt "I hurt" viel besser und bringt die
>> Intensität wirklich rüber, _ich_ schmerze, mein Körper, meine
>> Psyche, meine Seele, _ich_ als ganze Person.
>
> Im Deutschen müsste man, um den selben Effekt zu erreichen, sich
> weiter von der wörtlichen Übersetzung lösen. So what?
Genau, weil Deutsch, wenn es um technische oder juridische Dinge geht
vielleicht eine sehr präzise, analytische Sprache ist, bei Emotionen und
spontanen Gefühlen hinkt sie jedoch der englischen hintnach IMHO.
>> Das kommt im Englischen sehr präzise und intensiv rüber....
>
> Und das soll im Deutschen nicht möglich sein?
Nicht ohne "weitergehende Erklärungen".
>> Eine gute Synchro kann sehr viel davon rüberbringen, da hast Du
>> recht, nicht alles, aber sehr viel. Leider ist aber fast immer Zeit-
>> und oder Gelddruck vorhanden, damit ist die Synchro in 95% der Fälle
>> suboptimal...
>
> Für die Sprachen, welche ich nicht ausreichend genug beherrsche,
> reicht mir auch das suboptimale. Andere Leute ziehen Untertitel vor.
Wenn ich das Original nicht kenne und die Synchro halbwegs passabel ist,
dann kann ich auch damit leben (bei vielen Serien jedoch verdirbt mir
schon allein die sterile Synchro die Lust am Schauen). Wenn ich aber mal
das Original gesehen habe, bin ich meistens für die Synchro verdorben.
Beispiel: "The O.C."; Einige Folgen auf Deutsch gesehen, Urteil: Naja,
schaut ganz nett aus, aber nicht so aufregend, dass man sich das öfters
anschauen müsste. Dann hab ich die erste Staffel günstig bei ebay
erworben (mal versuchen) und bin draufgekommen, dass die Serie im
Original doch tatsächlich ziemlich unterhaltsam und witzig ist (alleine
die Stimmen und Sprechweisen von Seth, Summer und Peter Gallagher sind
schon seeehr unterhaltsam)!
Da mir die zweite Staffel auf DVD zu teuer ist (und sie auch nicht mehr
so gut sein soll), wollte ich mir die Serie weiter im Fernsehen
anschauen. Nach zwei Folgen hab ich aufgegeben, mit dieser Synchro wirkt
die Serie einfach nur wie eine weitere Soap Opera... Was sie vielleicht
zwar unter anderem auch ist, aber die Stimmen geben dem ganzen einen
Charme, der einem die "cheesy situations" schnell wieder vergessen
macht.
>> Eines der wenigen Beispiele, die mir einfallen, ist jetzt keine
>> Fernsehserie, sondern ein Film, nämlich das "Leben des Brian", das
>> finde ich sowohl kongenial übersetzt als auch wirklich gut
>> synchronisiert.
>
> Andere Synchros von Monty Python Werken tun dagegen regelrecht weh ;-)
Yo, den Flying Circus haben sie ja glaub ich auch mal synchronisiert,
das ist ja fast schon ein Verbrechen....
Stefan
.
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