Re: Pahlen - Wagner und Strauss



Am Sun, 09 Jul 2006 11:55:41 +0200 schrieb Peter Brixius:

On Sun, 9 Jul 2006 10:44:19 +0200, Wolfram Heinrich
<theodor.rieh@xxxxxxxx> wrote:

Wobei Moderne mit der Romantik beginnt ...

Aufklärung? Aber gut, das ist zeitlich eh fast nicht abzugrenzen.

[Ossian]

Bei Wikipedia findet man

"Modern scholars have demonstrated that Macpherson had indeed
collected Scottish Gaelic Ossianic ballads, but had adapted them to
contemporary sensibilities by altering the original characters and
ideas and had introduced a great deal of his own (see Derick Thomson's
The Gaelic Sources of Macpherson's "Ossian", 1952). Many feel that the
question of authenticity should not overshadow the artistic merit and
cultural significance of the poems."

Ah, ja. Eine noble Haltung, wie mir scheint. "Er hat uns zwar hereingelegt,
aber *wie wundervoll* hat er das gemacht."

Aber solange Werke dieser Art als echt gelten,
werden sie von den Liebhabern und Experten auch als echt wahrgenommen und
entsprechend (hoch) bewertet. Und dann platz die Seifenblase… Das läßt
einen über die ästhetische Urteilsfähigkeit (unabhängig von den
kriminalistischen Aspekten) mancher Liebhaber und Experten natürlich ins
Grübeln kommen.

Über den Kunstmarkt will ich mich lieber nicht äußern :-) Da
verschaffen Geldströme Werken eine Bedeutung, die sie mE nicht haben.
In keiner der anderen Künste hat die Kategorie "Original" eine so
kunstzerstörende Wirkung entfaltet, die mE mehr mit Fetischisierung
als mit Kunsterlebnis zu tun hat.

Hier sind wir uns mal voll und ohne vorherige Diskussion einig! In
de.rec.kunst.misc hatte ich Anfang des Jahres eine heiße Diskussion zum
Thema angezettelt.

Ach so. Das war also fürs Publikum immer klar: Leute, was ihr jetzt hört,
ist ein von mir, Mahler, bearbeitetes Stück von Bach. So wie in den
Sechzigern dann Play Bach von Loussier.

Es gab mehr als genug Kapellmeister, die machten ihre Bearbeitung
nicht deutlich (wie auch Mendelssohn-Bartholdy mW nicht bei der
Aufführung der Matthäus-Passion seine Eingriffe bekannt gegeben
hatte).

Gib es zu, daß dies eine sehr merkwürdige Haltung ist. Komponisten (und
überhaupt Künstlern) sagt man nach sie seien noch eitler als die übrigen
Menschen. Und diese Kapellmeister, die ja meist auch Komponisten waren,
verschweigen dem pp. publico ihre künstlerische Leistung, auf die sie stolz
sind. Das scheint mir merk-würdig. Könnte es sein, daß dieselbe Absicht
dahintersteckt, die ich so manchem modernen Regisseur unterstellt habe? Der
- damals vielleicht noch nicht so arrivierte - Mendelssohn-Bartholdy
versteckt sich als Komponist hinter dem breiten Rücken von Bach, weil wegen
eines Bartholdy-Verschnitts von Bach keiner ins Konzert gekommen wäre…

Das barocke Lebensgefühl ist aber sehr umfassend - und alles andere
als pompös, obwohl es das auch gibt.

Ich meinte nicht pompös, sondern: nicht so hektisch. Ich kann es mir schwer
vorstellen, daß ein Mensch mit gepuderter Perücke so dynamisch rumfedert
wie Paganini oder Offenbach oder Strauß.

Die gepuderte Perücke wurde am Hof getragen, es gab aber nicht nur das
Leben am Hofe.

Ich habe mir einen Moment lang überlegt, ob ich diese Einschränkung nicht
schon selber bringen soll, dachte dann aber, das damalige Musikleben habe
sich bei Hofe abgespielt und das ist eben die Perücken-Zone gewesen.

Ansonsten haben sich die Geschmäcker der Nationen auch
z.T. heftig widersprochen. Um nur einen Künstler zu nennen: bei Biber
kommt dir auf keinen Fall die Assoziation "Perücke" eher eben schon
"Paganini" :-)

Das meinte ich eigentlich. Würde man die Werke von Biber mit halbiertem
Tempo spielen, wäre wahrscheinlich wieder "Perücke" vor "Paganini" (ich
kenne von Heinrich Biber nicht mehr als den Namen und den mußte ich schnell
mal im Lexikon nachschlagen).

[Mystery-Test]

Ja, du lachst. Mich hat diese Zeitungsmeldung seinerzeit (1982) etwas
verstört. Ich war mal von einem Violinkonzert von Mozart (frag mich nicht,
welches - Berliner Philharmoniker, H. v. Karajan, A. Mutter, noch sehr jung
damals), sehr begeistert, habe wenig später in einer Ramschkiste eine
Kassette desselben Stücks mit anderen (zweitklassigen) Interpretationen
gefunden und *ich* habe - Banause, der ich bin - den Unterschied ganz
deutlich gehört, selbst ohne direkte Vergleichsmöglichkeit, da ich die
erste Version nur im Radio gehört hatte. Und hier merken ganze Rudel von
Liebhabern, gar Experten nicht, daß man ihnen dreimal exakt die gleiche
Aufnahme vorsetzt… Noch nicht mal Zweifel, so nach dem Motto: "Irgend was
stimmt da nicht, ich weiß nicht was, aber es stimmt was nicht…"

Experten sollten eigentlich nicht darauf hereingefallen sein, weil der
Orchesterklang der Wiener und der Berliner schon gut unterscheidbar
ist. Ansonsten handelte es sich bei den genannten ja nicht um
ausgesprochene Bruckner-Dirigenten. Wie also der Test dann bei einem
Vergleich Furtwängler - Haitink - Wand ausgegangen wäre, würde mich
interessieren.

Nicht anders, denke ich. Der Witz war ja nicht, daß man behauptete, Karajan
zu spielen und dann war es in Wirklichkeit Furtwängler, sondern daß man
einem Kennerpublikum (wer hört sich sonst schon solche Sendungen im Radio
an?) dreimal unmittelbar hintereinander *die gleiche Aufnahme* eines
Musikstücks vorspielte und es hat keiner gemerkt. Da geht es nicht mehr um
Details, da tun sich Abgründe auf.

Ciao
Wolfram
--
Wenn man alle Gesetze studieren sollte, so hätte man gar keine Zeit, sie zu
übertreten.
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
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