Re: 2200 hört niemand mehr Klassik (war: Die besten Komponisten aller Zeiten: Ergebnisse)



Am Tue, 28 Feb 2006 12:13:17 +0100 schrieb Oliver Scholz:

Thomas Deck <x2omas.Deck@xxxxxx> writes:

Welcher Komponist aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird in
200 Jahren die meisten Seiten des Bielefelder Katalogs beanspruchen?

In 200 Jahren wird niemand mehr Klassik hören. Diese schwarze
Phantasie gefällt mir so gut, dass ich den Betreff entsprechend
geändert habe.

Oh, ich habe eine Vision, ich kann sehen, wie es kommen wird.

Es fängt schleichend an. Zuerst verschwindet die Neue Musik. Um das
Jahr 2010 herum wird eine Entwicklung offensichtlich die bereits Ende
des vorigen Jahrtausends schleichend eingesetzt hat. Aus Sorge um
Publikumszahlen werden die schwierigen und anspruchsvollen Kunstwerke
aus den Konzerten mit Neuer Musik zunehmend verdrängt zugunsten von
Werken, welche die Hörgewohnheiten eher bedienen als transzendieren.
Um 2010 leben noch genügend Komponisten von Rang und ihr Ansehen ist
noch groß genug, dass man sich über diese Entwicklung noch beruhigen
kann. Aber unter dem Komponisten-Nachwuchs sind es zunehmend die
jungen Goreckis, welche die Kompositionsaufträge und Stipendien
erhalten oder zu "composers in residence" ernannt werden. Immer mehr
Komponisten mit sachhaltigen künstlerischen Ambitionen sehen sich nach
dem Hochschulstudium gezwungen, andere Berufe zu ergreifen.

Um 2030 ist diese Entwicklung abgeschlossen. Noch wird, wie aus
schlechtem Gewissen, das eine oder andere Werk der "großen Alten" wie
Boulez oder Lachenmann oder Xennakis in Konzerten mit Neuer Musik
gespielt. Aber dem Konzertpublikum, das seinen Experten vertraut hat,
ist diese Musik längst fremd geworden. Die Klassiker des späten 20.
Jahrhunderts lassen alle Beteiligten, Interpreten wie Publikum, eher
aus Pflichtbewusstsein über sich ergehen.

Zum Glück gibt es neben dem öffentlichen Musikleben, das sich in
Konzerten abspielt, noch ein großes Publikum für CDs. Aber auch hier
macht es sich bemerkbar, dass kaum ein junger Musiker mehr wirklich in
Kontakt mit den Klassikern des späten 20. Jahrhunderts in Kontakt
kommt. Noch verkaufen sich Nono und Kurtag. Aber neue Aufnahmen werden
immer seltener. Zudem verschwinden allmählich diese CDs völlig aus dem
Programm der großen Labels. Eine -- scheinbar -- beruhigende
Entwicklung setzt gleichzeitig ein: es gründen sich kleine,
unabhängige Labels, um den Bedarf dieses CD-Publikums zu decken. Deren
Produkte lassen sich aber nicht über den normalen Handel beziehen,
sondern nur über das Internet.

Mittlerweile hat sich um 2030 auch im Mainstream-Konzertleben etwas
verändert. Drei Dinge fallen auf:

1. Die Grenzen zwischen Musical und Oper sind völlig gefallen.
Noch gibt es viele genuine Musikliebhaber im Konzertpublikum,
welche darüber die Nase rümpfen. Aber im Programm der
Opernhäuser steht Webbern gleichberechtigt neben Pucchini.

2. Es geschieht immer häufiger, dass in einem Konzertprogramm mit
Tschaikowsky und Mozart auch ein Stück nicht nur eines modern
und nicht nur eines lebenden, sondern sogar eines jungen
Komponisten aufgeführt wird. Das liegt daran, dass sich
mittlerweile die Vorstellung verschoben hat, was moderne
Kunstmusik sei. Es sind die jungen Goreckis, die Einzug in die
Konzerthäuser halten. Nicht unbedingt zum Gefallen des
Publikums, aber man lässt es über sich ergehen, denn auch
moderne Musik muss gespielt werden. Die
Programmverantwortlichen sehen, dass das Publikum diese Werke
hinnimmt und feiern dern Erfolg zeitgenössischer Produktionen.

Bis 2020 litt das Musikleben nämlich unter dem Zwang, immer
mehr Neben- und Jugendwerke von zweit- oder drittklassigen
Komponisten früherer Jahrhunderte auszugraben, um Füllmaterial
für Konzerte mit den populären Stücken zu haben. Füllmaterial,
das "neu" ist und damit das Konzertleben rechtfertigt. Nun,
liefern zunehmend die jungen Goreckis das Füllmaterial.

3. Die Kunst der Interpretation erleidet zu diesem Zeitpunkt einen
Niedergang. Ehedem gab es noch immer wieder Interpreten, die
sich mit den großen, anspruchsvollen Werken der
zeitgenössischen Musik auseinandersetzten. Über diese
Auseinandersetzung gewannen sie einen Interpretationsansatz,
der ein neues Licht auch auf die ältere Musik werfen konnte.
Damit beeinflussten sie auch andere Interpreten, welche diese
Auseinandersetzung nicht im gleichen Maße suchten. Auch die
10.000 Aufnahme eines populären klassischen Stückes konnte noch
spannend sein.

Nun aber ist die Neue Musik künstlerisch uninteressant,
langweilig, seicht. Sie hat keine Substanz mehr, die der
Auseinandersetzung etwas bieten könnte. Eine allgemeine
Lustlosigkeit macht sich insgesamt bei den Interpreten breit.

Dafür erreicht das Star-Wesen um bestimmte Interpreten einen
Höhepunkt. Die jungen Andre Rieus und die jungen Vanessa Maes
sind es, die den Konzerthäusern und CD-Labels das Geld
einbringen.

In der Holovid-Konversationsgruppe "de*rec*musik*klassik" gibt es 2031
eine interessante Diskussion über das "Große 20. Jahrhundert", das
unter den wenigen verbleibenden genuinen Musikfreunden mittlerweile
als Goldenes Zeitalter der Kunstmusik gilt. Einige historisch
bewanderte Regulars bringen ein, dass früher Multiplikatoren eine
große Rolle spielten, die den Kunstcharakter der Werke betonten.
Einige Teilnehmer der Diskussion wundern sich darüber, denn, außer bei
einigen historischen Aufnahmen, sei es mittlerweile sehr schwierig
geworden, verständlich zu machen, was Musik mit Kunst zu tun hätte.


2050 ist die oben umrissene Entwicklung abgeschlossen. Der
verbleibende Unterschied zwischen Popularmusik und "Klassik" ist die
Tatsache, das man bei vielen Aufführungen der letzteren still sitzen
bleibt. Aber auch hier zeichnet sich eine neue Entwicklung ab. Die
Programmverantwortlichen sind über die schwindenden Besucherzahlen
alarmiert. Mäßige Popularität haben nur noch Konzert der der Art
"Klassik zum Mitsingen" und "Tanz die Nachtmusik!". Die
"Stillsitzkonzerte" sind mittlerweile bei Programmverantwortlichen
verpönt.

In den Musikschulen werden kaum noch klassische Instrumente
unterrichtet. Sie orientieren sich mittlerweile ausschließlich an der
Popularmusik, deren Moden stark wechseln. Zwanzig Jahre vorher gab es
noch genügend Familien, in denen "Klassik" ein hohes Ansehen hatte --
schon aus sozialer Distinktion -- und somit gab es genug lustlose
Kinder, die zum Klavierspielen geschickt wurden. Hinreichend viele,
dass auch das eine oder andere trotz des autoritären Hintergrundes
gefallen daran finden konnte. Diese soziale Phänomen ist im
Verschwinden begriffen. Die Hochschulen klagen über geringe
Studierendenzahlen. An den meisten Universitäten ist die Fakultät
"Musik" kleiner als die Orientalistik. Nicht wenige Studienanfänger
nehmen mit dem Beginn ihres Studiums das erste Mal ein Instrument in
die Hand.

2100 ist die Klassik aus dem öffentlichen Musikleben verschwunden.
In einigen populären Songs tauchen klassische Melodiefragmente auf. Es
gibt noch einige Nostalgie-CDs "So war das 19. Jahrhundert" mit Werken
von Vivaldi, Händel und Mozart.

2200 ... Studenten der Kulturgeschichte schmunzeln darüber, dass
ausgerechnet Musik im 19. und 20. Jahrhunder als Kunstform galt. Noch
dazu als eine angesehene. Der Professor erklärt, dass es in
vergangenen Zeitaltern immer wieder Phänomene gibt, die uns
unverständlich erscheinen, die aber deswegen aus der Perspektive des
jeweiligen Zeitalters keineswegs unsinnig sein müssen. Er zieht einen
Vergleich zum Quadrivium des Mittelalters. Die Studenten schreiben das
auf, schmunzeln aber weiter.


Oliver

Diese Vision scheint mir geografisch sehr eingeschränkt zu sein. Wie man
liest, erlernen derzeit in China 70 Millionen Menschen klassische
Instrumente, davon 13 Millionen Klavier.
Vor kurzem gab es die erste Aufführung des "Ring des Nibelungen".
Dass also die klassische Musiktradition ganz woanders ihre Fortsetzung
findet, ist nicht ganz unwahrscheinlich.
.



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