Meditation im Kinosessel: Die grosse Stille



Ein Dokumentarfilm über das Leben hinter Klostermauern - das klingt
zunächst nicht besonders spektakulär. Fast jeder hat als Tourist schon
mal eine Abtei besichtigt und dabei in die eine oder andere ehemalige
Zelle hineingeschaut. Viele Orden betreiben Hotels oder Tagungsstätten,
veranstalten für interessiertes Publikum spirituelle Seminare und
Management-Schulungen.


Doch in Philip Grönings Dokumentarfilm findet sich nichts von alledem. Er
gewährt einen Einblick ins Leben der Karthäuser-Mönche in ihrem
Stammkloster Grande Chartreuse in den französischen Alpen. Dieser Orden
lebt nach Regeln unmoderner, als man sie sich vorstellen kann. Die meiste
Zeit des Tages verbringt jeder Mönch einsam in seiner Zelle. Das Essen
wird ihm durch eine gefängnisartige Klappe gereicht. Nur zum gemeinsamen
Chorgebet verlässt er seine kleine Einsiedelei. An Sonntagen und anderen
hohen Festen erlaubt ein gemeinsames Mittagessen und ein Spaziergang, bei
dem für kurze Zeit das strikte Schweigegebot aufgehoben ist, ein
vorübergehendes Ausbrechen aus der sonst herrschenden großen Stille.
Geräusche wie das vom Aufschneiden des schweren Gewandstoffs oder von
fallen Tauwassertropfen wirken wie Lärm in dieser Ruhe.

Und nicht nur der Alltag, auch das geistliche Leben der Karthäuser ist
von Schlichtheit geprägt. Der immergleiche Takt des Stundengebets und das
Fehlen jeglicher Musik mit Ausnahme gregorianischen Gesangs sorgen selbst
im voll besetzten norddeutschen Kinosaal für Andacht.

Für diese Andacht nimmt der Film sich viel Zeit - 164 Minuten. Doch keine
dieser Minuten ist überflüssig. Fast statisch, foto- oder gemäldeähnlich,
sind viele Szenen. Man kann dadurch immerhin versuchen, nachzuempfinden
wie es sich in der Einsamkeit der Karthause lebt.

Aber auch handfeste Überraschungen hält der Film bereit. An ganz wenigen
Punkten des Klosterlebens blitzt modernes Leben auf. Aufnahmen von den
wöchentlichen Spaziergängen zeigen fröhliche und bisweilen albern
plappernde Männer, die man sich nur schwer in fast dauerhaft schweigender
Einkehr vorstellen kann. Einer von ihnen berichtet schließlich gegen Ende
des Films doch noch im direkten Interview. Seit Jahren vollständig
erblindet, die Augen zusätzlich fast von wuchernden Augenbrauen
verschlossen, erzählt ein alter Mönch von seinem Verhältnis zu Gott und
dem vermutlich nahen Tod. Dann folgt ohne Musik der Abspann und es wird
hell im Saal. Nur langsam findet man zunächst wieder ins laute
Großstadtleben zurück, das den extremen Gegensatz bildet zum
kontemplativem Leben in der Abgeschiedenheit der Berge.



Kinotermine: http://www.diegrossestille.de/

Niels
--
http://www.niels-bock.de

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