Re: Anfaenger
- From: W. H. Greiner <whgreiner@xxxxxxxxxxx>
- Date: Thu, 22 Dec 2005 20:31:34 +0100
Moritz Hammer schrieb in dem Posting
<pan.2005.12.22.08.31.16.466386@xxxxxxxxxxxxx>:
>Zu knapp gewaehlt! Diese Voraussetzungen erfuelle ich sogar. Nur war die
>Schreibmaschine elektrisch.
Gilt nicht. Deine Finger sind einfach noch nicht Usenet-tauglich.
Zurück ins Kämmerlein und nochmal üben, sonst brichst Du Dir noch die
Finger! :-)
>Nun lassen wir mal die Kirche im Dorf. Niemand hat ihm gesagt, er solle
>doch bitte mit einem 3000er anfangen.
Es wurde ihm ein entsprechendes Buch empfohlen. Bereits in der
allerersten Saison einen 3000er zu besteigen würde ich als "damit
anfangen" bezeichnen. Man kann das durchaus machen - aber dann, bitte,
mit erfahrener Begleitung. Als Anfänger im Alleingang, nur mit einem
Buch in der Hand: auf gar keinen Fall, das wäre sträflicher
Leichtsinn.
>Er hat nach Tips gefragt, ihm wurde
>ein Buch genannt - als Beispiel eines guten Fuehrers. Ich persoenlich bin
>durchaus der Meinung, dass ein sportlich fitter Mensch keine Probleme
>haben sollte, sich an das Bergsteigen auch alleine heranzutasten -
>basierend auf meiner Erfahrung mit Leuten, die ihr Wissen aus DAV-Kursen
>haben, und die ich beim Klettern erlebe.
Genau das ist der Unterschied, auf den's mir ankommt: praktische Kurse
sind was ganz anderes als Bücher. Bergsteigen kann man nicht aus
Büchern lernen! Obwohl ich inzwischen weiß Gott eine Menge
Bergerfahrung rund um den Globus habe, vertraue ich mich auch heute
noch grundsätzlich jedes Mal einem ortskundigen Führer an, sobald ich
mich in für mich neuem Terrain (Höhe, Klimazone, geologische
Besonderheiten, Kulturkreis) bewege. Selbstverständlich mache ich mich
vorher auch durch Literatur kundig, studiere die Karten, befrage
Leute, die schon dort waren - aber ich bilde mir eben gerade aufgrund
meiner langjährigen Erfahrungen nicht ein, das würde genügen.
(Bergunfälle:)
>Dann solltest Du aber auch wissen, wie es an jedem beliebigen
>Sommerwochenende in den Bergen zugeht. Der OP hat 90% der Leute, die da
>herumkraxeln, eines voraus: Er ist interessiert. Man darf mit gutem Recht
>davon ausgehen, dass er neben der Bedienung eines Newsreaders auch einen
>Wetterbericht lesen kann und auch die Warnungen in einem Buch. Er wird
>nicht in Turnschuhen auf Schneefeldern rumrutschen oder ohne Jacke im
>Gewitter stehen.
Schön und recht: ein Teil der möglichen Unfallursachen ist damit
ausgeschaltet. Aber eben nur ein Teil!
Um es mal an einem simplen Beispiel (von vielen möglichen) zu
verdeutlichen: wie sich ein verharschtes Schneefeld auf 3000 m Höhe
anfühlt, davon hat ein Bergneuling keine Ahnung, weil es diese Art von
superkompaktem Altschnee im Flachland oder Mittelgebirge schlicht
nicht gibt. Ein Anfänger kann sich einfach nicht vorstellen, daß er
auf demselben Schneefeld, über das er vor ein paar Stunden in der
Sonne noch problemlos aufgestiegen ist, beim Abstieg plötzlich nicht
mal mehr mit Gewalt den Absatz reinkriegt, so hart ist das Zeug
gefroren... Wann der Schnee weich ist, wann er wieder gefriert, bis zu
welchem Neigungswinkel das Schneefeld möglicherweise trotzdem noch
ohne Spezialausrüstung begehbar ist - das sind alles Dinge, die man
auch aus den besten Büchern nicht lernen kann, da hilft nur praktische
Erfahrung.
Stellt sich irgend so eine unvorhergesehene Sache einem Neuling in den
Weg, dann tun sich gleich ein ganzes Dutzend weitere Fragen auf, mit
denen so ein Anfänger erst recht überfordert ist: wie ist eine
Alternativroute, die in der Karte eingezeichnet ist, unter den
gegebenen Verhältnissen zu beurteilen? Technische Schwierigkeiten,
Orientierung, Wetter, Zeit- und Kräftebedarf? Wird's besser oder noch
schlechter, wenn man abwartet? Was kann ich mit der vorhandenen
Ausrüstung tun, um ein womöglich notwendig werdendes Biwak überstehen
zu können - habe ich da mit den zur Verfügung stehenden Mitteln
überhaupt eine Chance, oder muß ich auf Biegen oder Brechen runter?
Was mache ich, wenn ich die Orientierung verliere - was ja gerade
unter verschlechterten Verhältnissen besonders leicht passieren kann?
Wie groß ist dieses Risiko, und was kann ich unter den gegebenen
Verhältnissen dagegen tun? Macht es überhaupt Sinn, an der aktuellen
Stelle Risiken in Kauf zu nehmen - oder sitze ich dann womöglich ein
Stück weiter unten erst richtig in der Falle?
Schwere Bergunfälle passieren selten einfach so aus dem Nichts, von
jetzt auf plötzlich. In den meisten Fällen führen zunächst eher
geringfügig erscheinende Widrigkeiten zu einer Kaskade von immer
gravierenderen Fehlentscheidungen, die dann schließlich verhängnisvoll
endet. Natürlich spielt dabei dann auch die Ausrüstung eine Rolle;
aber auch dieses Thema läßt sich eben _nicht_ mit "anständige Schuhe,
Anorak, Handschuhe, genug Wasser, Proviant und Verbandszeug"
abhandeln. Welche Grenzen einem das jeweilige Schuhwerk setzt, oder
wieviel Wärmeisolation ich von meiner Kleidung noch erwarten kann,
wenn ich die Unterwäsche durchgeschwitzt habe, oder wie ich einen
Biwaksack sinnvoll einsetze, das sind alles z. T. sehr individuelle
Erfahrungen, die man nur durch entsprechende Grenzgänge austesten
kann. Gerade bei einem Alleingang auf einen 3000er sollte man aber
tunlichst gehörigen Sicherheitsabstand von jeglicher, individueller
Grenze halten. Nur: wie denn bitte, wenn man solche Grenzen noch gar
nicht kennengelernt hat?
Im Übrigen braucht man doch noch gar nicht mal die Lebensgefahr
heraufbeschwören, um den Sinn erfahrener Begleitung deutlich zu
machen. Es ist z. B. höchst unlustig, nach stundenlanger Plackerei in
stechender Sonne fröstelnd auf einem ach so tollen 3000er zu stehen
und sich zu fragen, inwiefern sich diese Aussicht in die Nebelsuppe
nun eigentlich von der Aussicht zuhause auf dem Bahndamm bei ähnlichem
Schmuddelwetter unterscheidet... Vor solchen Frusterlebnissen sind
zwar auch Routiniers nie ganz sicher, aber die Wahrscheinlichkeit
eines lohnenden Bergerlebnisses steigt doch erheblich mit der
Erfahrung: man weiß dann viel genauer, wann man losgehen muß, wann es
wo so richtig schön ist, wann und wo man sinnvoll Pausen macht, um das
auch wirklich auszukosten, und ab wann es sich auch ganz abseits
irgendwelcher Risiken einfach nicht mehr lohnt, noch weiter zu gehen.
Ich bin dem Führer meiner ersten, großen Trekkingtouren bis heute vor
allem auch dafür dankbar, daß ich bei ihm abgucken konnte, wie man so
eine Tour gestalten kann, damit sie zum Hochgenuss wird. Alles will
gelernt sein, sogar das Genießen. "Denn Genießen war noch nie ein
leichtes Spiel..." (Konstantin Wecker in einem seiner besten Lieder)
(...)
> Ich wuesste nicht, warum ein Anfaenger nicht eine Wanderwoche
>durch einen 3000er kroenen sollte.
Ich auch nicht - wenn Kondition und Ausrüstung stimmen und erfahrenere
Leute mit dabei sind.
>Ich versteh ja, dass ein 3000er nicht als ideal angesehen wird, aber da
>empfiehlt einer ein Buch, das Du offensichtlich auch nicht kennst,
Ich weiß nicht, ob wir dasselbe Buch meinen; ich habe hier schon seit
20 Jahren ein Buch von Dieter Seibert im Regal stehen, mit dem Titel
"Dreitausender mit Weg", Verlag j. Berg. Schöner Bildband, schöne
Beschreibungen, für Leute mit ein paar Jahren Erfahrung (oder
entsprechender Begleitung) sicher ein gutes Buch - obwohl ich keine
einzige der darin vorgeschlagenen Touren je gemacht habe, da haben
mich immer andere Ziele mehr gereizt, und zwar i. d. R. eher
niedrigere...
Aber, sorry: definitiv _kein_ Buch für einen Anfänger, der bisher
maximal im Mittelgebirge gewandert ist.
>und
>wird dafuer als "sinnfrei" beschimpft: Das finde ich nicht in Ordnung. Da
>sind mir zu viel Standesduenkel im Spiel, sorry.
Standesdünkel? Dünkel _welchen_ Standes, bitte? Mein "Stand" ist
Zahnarzt, Bergwandern ist für mich ein reines Hobby, nebenbei mach ich
noch Gleitschirmfliegen und im Winter Schilanglauf.
Gruß, Walter
und nun auch Frohe Weihnachten und guten Rutsch - ich muß mich aus
Zeitgründen aus diesem Thread verabschieden.
.
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- From: Peter Müller
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