Re: Artikel aus Spiegel 20-2008: Wir sind die Guten
- From: Dominic Valerie Casare <teardrug@xxxxxxxx>
- Date: Tue, 3 Jun 2008 16:00:44 +0200
On Mon, 2 Jun 2008, Stefan Reuther wrote:
Dominic Valerie Casare wrote:
On Sat, 31 May 2008, Stefan Reuther wrote:
Da steht meistens ein Spruch der Art "Unerlaubte Kopien sind nichtNun mal moeglichst realitaetsnah aus der Sicht eines pubertierenden
zulässig". Da Privatkopien aber erlaubt sind, kannst du den Spruch
natürlich ignorieren.
Jugendlichen: Wie konkret duerfte das Verstaendnis der exakten
juristischen Auslegung des Urheberrechtsgesetzes wohl sein? Wieviele
wirtschaftsrelevante Gesetze waren dir als /Kind/ bereits bis ins Detail
vertraut?
Als Kind? "Du sollst nicht stehlen."
"Stehlen ist, wenn Markus einen Apfel hat und du nimmst ihm den weg und
dann ist Markus traurig, weil er keinen Apfel mehr hat."
Dass es das selbe sein soll, wenn man etwas Tolles auf Band oder CD hat,
dies kopiert und Markus dann die Kopie schenkt, ist fuer ein Kind nicht
nachvollziehbar. So verquer koennen die gar nicht denken, denn keiner
ist hier traurig, im Gegenteil - beide freuen sich.
Btw, dass Du an diesem fortgeschrittenem Stand der Diskussion wieder auf
die ausgelutschte Diebstahl-Metapher zurueckgreifen musst, wirkt etwas
hilflos.
Das Bedürfnis und die Möglichkeit, anderer Leute Dinge zu
veröffentlichen, hatte ich damals einfach nicht.
Lies noch einmal nach, was genau man unter /Veroeffentlichen/ versteht.
Ich frag mich gerade, ob hier dein Stapel mit Argumenten alle ist und du
jetzt von vorn wieder anfaengst...
Diese Wirtschaft war mit der Privatkopie noch /nie/ einverstandenDas würde die Industrie übrigens auch tun (können), wenn es kein
und darum wurde auch DRM entwickelt, um dieses /Recht/ zu
unterlaufen, resp. auszuhebeln.
Urheberrecht gäbe. Davon abgesehen war das Recht zur Privatkopie niemals
ein einklagbares Recht in der Art, dass du vom Urheber verlangen kannst,
dir das Kopieren zu ermöglichen.
Es war allerdings in der deutschen Rechtssprechung immer so, dass man
mit seinem erworbenen Eigentum machen konnte, was man wollte. CMIIW
Wir muessen uns hier einmal auf einer Basis treffen, der folgendes zu
Grunde liegt (oder wir koennens gleich bleiben lassen):
-----------------------------------------------------------------------
Mit dem Aufkommen und nahezu flaechendeckender Verbreitung von
multimediafaehiger IT in allen Haushalten und dem Internet als global
verbindender, digitaler Infrastruktur, haben sich die Verhaeltnisse fuer
jegliche Geschaeftsmodelle, die sich auf den Verkauf und die Verbreitung
von /Kopien/ begruenden, grundlegend geaendert. Sie koennen ihr altes
Business nicht mehr in der Form betreiben, wie frueher, denn ihnen wird
die Geschaeftsgrundlage schlicht /entzogen/.
------------------------------------------------------------------------
Kannst du dich damit prinzipiell einverstanden erklaeren?
Netter Versuch am Thema vorbei zu schrammen.
Mit nichten. Denn das genau ist die Grundlage, auf welcher die
Diskussion gefuehrt werden muss. Ich will mich nur vergewissern, ob das
auf beiden Seiten vorauszusetzen ist.
Korrekt, Geschäftsmodelle, die ausschließlich auf dem Vertrieb von
digitalen *Kopien* basieren, haben fast ausgedient.
Du unterschlägst aber wieder einmal das Geschäftsmodell der Content-
Erstellung.
Tu ich nicht? Mir geht es um das, was /nach/ der Erstellung kommt - der
ganze Sektor der Content-Distribution. Wie das Zeug zum Kunden kommt und
unter welchen Bedingungen das geschieht.
Dieses ist keineswegs tot. Es ist sogar sehr gefragt. Denn
um etwas kopieren zu können, muss man erstmal ein Original haben, und
das Original muss jemand erstellen.
Ich habe nichts Gegenteiliges behauptet.
haben sie auch in ihren AGB <http://www.google.com/accounts/TOS?loc=DE>
die üblichen Passagen, dass man ihre Dienste nur auf den offiziellen
Wegen nutzen darf (§5.3) und dabei Werbung zu akzeptieren hat (§17.3).
Sie koennen (und wollen) mich jedoch nicht zwingen, mein 'adblock' zu
deaktivieren.
Sie könnten sich irgendwann einfach weigern, dir Webseiten zu liefern.
Allerdings werden sie an Einzelusern wohl kaum was auszusetzen haben.
Eben.
Genausowenig wie das UrhG an Privatkopien. Aber sie haben an
Multiplikatoren etwas auszusetzen. Zum Beispiel gab es mal einen freien
Google-Earth-Client namens Gaia. Verboten mit Verweis auf die AGB.
<http://intevation.de/pipermail/freegis-list/2006-November/003024.html>
Das ist - obschon ein geschickt gewaehlter Grenzfall - eher eine Art
Semi-Professionelle Konkurrenz, die sie dahinter sehen. Immerhin kann
der Client selbst fuer kommerzielle Zwecke eingesetzt werden, indem
irgendjenmand das Ding mit Werbung feedet und damit wirds eher zum
geschaeftsmaessigen Akt. Im Vergleich zu unserem SpOn-Aufhaenger waere
das eine Website unter eigener Domain, die das komplette Angebot von
SpOn zeitgleich kostenlos spiegelt, allerdings ohne die
Werbeeinblendungen der Quelle. Das die sowas dulden muessen, habe ich
nie gefordert, denn das ist auf jeden Fall eine andere Dimension, wie
fallweise ein einzelner Artikel.
Richtig. Geld (wenn auch erstmal nur virtuelles) ist aber in dem MomentDenn auch die Netzeitung hat unter jeder Seite stehen: "Alle Rechte ©Jaja warum auch nicht? Das machen doch alle so und es ist in erster
2008 NZ Netzeitung GmbH". Und im Impressum: "Jegliches verwendete
Material ist urheberrechtlich geschützt.".
Linie /WICHTIG/ gegen /kommerzielle/ Sekundaer-Ausbeutung des eigenen
Angebots. Was Privatleute damit machen, ist denen so lange egal, wie
kein Geld ins Spiel kommt. Moechte ich fast drauf wetten.
im Spiel, wie du ihnen Besucher von der Webseite abziehst, üblicherweise
durch eigene Weiterverbreitung.
Davon koenntest du nur sprechen, wenn es im Vorfeld irgendeine
Ankuendigung der Art gegeben haette: Achtung Leute, am xx. erscheint ein
Artikel ueber yy im Spiegel - sobald der draussen ist, poste ich ihn
hier. Stay tuned!!1
Dann vllt, aber das ist sowieso nur an den Haaren herbeigezogen.
[snip]Ansonsten beharre ich nicht auf dem Geschäftsmodell der Majors, die eben
dem Künstler pro verkaufter CD nur 4% vom Kaufpreis abgeben. Aber wenn
sich ein Künstler selbst vermarkten will - und das ist eben dank
Internet nun möglich - braucht er wenigstens einen kleinen Anreiz, den
Nutzer zur Zahlung zu überreden.
Grundsatz: Treue Fans zahlen von selbst & tun dies gern.
Wie bekommt man treue Fans?
Du hämmerst immer auf den Musikern rum.
Nein, ich 'haemmere' auf den Kommerzfaschos der Content-Mafia und all
denen herum, die meinen, sich an deren Rockzipfel klammern zu muessen.
Den Musikern hingegen mache ich ganz konkrete - und wie ich finde
brauchbare - Vorschlaege, wie sie heutzutage ihre Musik selbst
vermarkten koennen.
Vermutlich, weil die tatsächlich
die besten Möglichkeiten haben, ohne Medienverkauf immer noch zu verdienen.
Ausserdem habe ich auch sehr konkret und - wie ich finde konstruktiv -
ein Absatzmodell fuer Filme im und mit dem Internet skizziert. Es ist
nunmal nicht so, dass man fuer jeden Content hier gleiche Massstaebe
ansetzen kann. Siehe auch die ganze Debatte um den Webauftritt der
Oeffentlich-Rechtlichen und welche verfahrenstechnischen Probleme sich
damit auftun. Fakt ist jedoch: Das Internet aendert unsere
Medienlandschaft grundsaetzlich.
Was machen Journalisten?
Schreiben weiterhin fuer eine Zeitung. Wie der Artikel an den Leser
kommt, ist nicht Sache des Journalisten, sondern des Verlagshauses.
Monumentalfilmer?
S.o. - fuer Filme habe ich ein Konzept beschrieben. Du muesstest jetzt
erstmal schluessig nachvollziehbar darlegen, warum das nicht
funktionieren /kann/.
Buchautoren?
Siehe Bestseller-Autor Paulo Coelho. Geradezu eins meiner
Paradebeispiele, schon wieder vergessen?
Und sag nicht,
dass deren Geschäftsmodell ausgedient habe, denn es gibt nachweislich
Bedarf an deren Werken.
Sag ich ja nicht. Du hast nur irgendwelche Probleme, das was ich dir
ellenlang darlege, nachzuvollziehen. Der Content wird weiterhin
produziert werden und auch weiterhin gibt es eine Nachfrage dafuer - nur
die Art und Weise, wie diese Nachfrage bedient wird, ist im Umbruch
begriffen.
Und eines ist auch klar: Die Zeiten, wo es /einfach/ war, mit dem
Verkauf von Content Geld zu verdienen, sind groesstenteils vorbei. Das
ist auch schonmal bedingt durch die reine /Masse/ an verfuegbarem
Content - also dem Stoff, den es schon gibt und auch weiterhin geben
wird - gegenueber dem, der sich davon als neuartig /abheben/ muss, um
ueberhaupt wahrgenommen zu werden.
Es gab mal Zeiten, da gab es nur eine begrenzte Anzahl wirklicher
Weltklasseliteratur und es gehoerte zum 'guten Ton', dass man die im
Laufe seines Lebens gelesen haben sollte. Das ist so heute prinzipiell
nicht mehr moeglich. Allein die Menge an verfuegbarer Literatur wirkt
auf so eine Ambition wie ein Overkill. Das selbe im Bereich von Film und
Musik. Anfang des letzten Jahrhunderts war das Angebot in dieser
Beziehung noch relativ uebersichtlich und jede neue Veroeffentlichung
wurde begeistert auf- und wahrgenommen. Heute haben wir einfach schon
zuviel von allem und Kinder, die in dieser Medienlandschaft aufwachsen,
muessen zunaechst mal Qualitaeten auf dem Gebiet der Medienselektion und
des Aufmerksamkeitsmanagements erlangen, um ueberhaupt weiterhin
aufnahmefaehig bleiben zu koennen. Wenn man so jemanden damit kommt,
dass er das Angebot /erst/ /bezahlen/ soll, um es /danach/ ansehen zu
koennen, hat man schon verloren. Da ist es viel naheliegender, zum
naechsten Angebot zu switchen, welches sich offenheriger praesentiert.
[Softwareentwicklung klein/gross]
Ich nicht, denn ich will bezahlbare Kopien auch von Werken, die nichtIn den Kopienpreis müssen einfließen:-) In Millionenstueckzahlen eines klassischen Presswerkes, liegt der
- der Herstellungspreis der Kopie
schon im Cent-Bereich, oder gar noch darunter?
- der Erstellungspreis des WerkesUnd hier wirds wieder hakelig. Diesen Anspruch an eine Kopie zu stellen,
- etwas Gewinn
halte ich heuer fuer ueberzogen.
live "performt" werden.
In meinen dir vorgestellten Modellen gab es immer auch mehrere
Moeglichkeiten fuer Kopien (unterschiedlicher Qualitaet und Preislage)
zu bezahlen. Wo es klemmt ist schlicht nur bei deinem
Vorstellungsvermoegen, dass so etwas tatsaechlich funktionieren /kann/.
Du meinst halt zu wissen, dass unter solchen Bedingungen kein Kuenstler
- oder Programmierer oder sonstwer - noch ein Werk schaffen wuerde, weil
ihm der Anreiz dazu fehlt. Das ist einfach nur eine haltlose, aus der
Luft gegriffene Behauptung, die von Millionen Werkschaffenden
tagtaeglich widerlegt wird, die einfach ohne diesen finanziellen Anreiz
trotzdem tun, was sie tun wollen und es dann veroeffentlichen.
[Veeroeffentlichung neuer Kinofilme gleichzeitig im Netz]
Und wie soll dann die Abrechnung funktionieren? Spätestens, wenn dieJa und? Siehe Rechenbeispiel Radiohead. Ausserdem kann man den
Leute das seitenlange Formular (Name, Anschrift, Kontodaten) sehen, wird
wieder ein großer Teil sich sagen "vielleicht gibt's das ja schon
irgendwo umsonst".
Bezahlvorgang beliebig vereinfachen - also Paypal ist heute vielen sehr
vertraut fuer alle moeglichen Gelegenheiten im Netz zu bezahlen, warum
soll das bei Filmen und Musik nicht ebenso funktionieren? Der Preis muss
natuerlich stimmen, sonst wird die Hemmschwelle zu hoch.
Paypal fasse ich normalerweise nicht mal mit der Kneifzange an.
Ist auch nur ne Alternative zur Kreditkarte, die aber durchaus haeufig
genutzt wird. Man kann beliebig viele Zahlmoeglichkeiten anbieten btw,
daran solls nicht scheitern.
Deswegen sagte ich ja auch, dass das _noch_ nicht funktioniert. Später
vielleicht.
Schau doch mal was im Bereich ebay so abgeht, oder auf den ganzen
XXX-Sites. Man mag dazu stehen wie man will - aber die haben es sehr
frueh schon verstanden, mit dem Netz Geschaeft zu machen. Auch wenn sie
nun noch das Abmahngeschaeft fuer sich entdeckt haben, was man ihnen
hoffentlich bald wieder entziehen wird.
Momentan gibt es kein standardisiertes Micropayment-System.
Unter den existierenden Anbietern sind viel zu viele Nischen und viel zu
viele windige Gestalten. Sollte Internet-Micropayment mal dort ankommen,
wo das europäische Bankensystem heute ist - ich kann problemlos ohne
viel Brimborium von hier zur Kreissparkasse Kleinkleckersdorf überweisen
- mag das anders aussehen.
Das ist das Problem der Wirtschaft, nicht der Netizen und es waere eine
gute Gelegenheit, mal ein paar Millionen in ein Open-Source-Projekt zu
investieren, wo am Ende so ein standardisierbares Micropayment-System
bei herauskommt. Investition im Eigeninteresse sozusagen, was am Ende
allen nuetzt. Oder waer das jetzt /zu/ einfach?
[wma vs. mp3]
Und in der Praxis sieht es wohl so aus, dass man schon ab einer BitrateBitraten über 192 kbps sind langweilig.
von 192kbps bei mp3 kaum mehr nen unterschied zum unkomprimierten hoert.
Alles oben drueber ist praktisch schon Platzverschwendung. Was war also
nochmal das Alleinstellungsmerkmal von wma?
Auf einschlaegigen Sites (wie dem unlaengst geschlossenen OInk-Tracker)
sind 192kbps eher unteres Minimum und gefragt 256-320. Komisch wa? Macht
aber Sinn, wenn man dagegen die Kapazitaet gaengiger Festplatten setzt.
Interessant ist 64 kbps abwärts.
Fuer Radiostreams vllt. Selbst der IPOD hat schon >100 GB
Speicherkapazitaet - wie viele Files will man denn da draufpacken mit 64
kbps und wer soll das denn bezahlen? Eine IPod-Speicherkarte voll
legaler Downloads im Gegenwert von ein paar Millionen USD? Lachhaft.
Sieh endlich ein, dass hier mindestens zwei Industrien gegenlaeufig
Kundenbeduerfnisse befriedigen, wobei die Hardware allein schon so
leistungsfaehig geworden ist, dass man ihre Moeglichkeiten mit rein
/legalen/ Angeboten gar nicht mehr ausschoepfen kann, sofern man nicht
gerade nen Top-Manager in der Familie hat. Diese Sachen sind jedoch
bewusst auch fuers 'einfache Volk' konzipiert (Aldi-PC!), gebaut und
vertrieben worden. Nun werden sie auch benutzt - warum auch nicht? Die
Kopierindustrie ist im Zugzwang, sich grundlegend zu veraendern - und
zwar schnell. Alles andere macht keinen Sinn, ist nur noch ein fouliges
Spiel auf Zeit.
Dominic
.
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