Re: Wieso sprechen die Franzosen französisch?



Wolfram Heinrich wrote:
"Blöde Frage", werdet ihr wahrscheinlich sagen. Was, bitte, sollen
Franzosen denn sonst sprechen, wenn nicht französisch? Klar. Aber warum
sprechen die Franzosen eine romanische Sprache?
Dort, wo heute Frankreich liegt, lebten zu Asterix' Zeiten die Gallier,
Kelten also, deren Sprache irgendwie wie das heutige Gälisch geklungen
haben muß. Dann kamen die Römer und brachten ihr Latein als Amtssprache
mit. Die Römer aber kamen als Besatzungsmacht, sie waren von Anfang an
und blieben eine dünne Oberschicht über einer weiterhin keltischen
Bevölkerung. Nach dem Zusammenbruch der römischen Infrastrukturen in
Gallien kamen irgendwann 500, 600 n. Chr. die Franken nach Gallien und
machten es zu ihrem Land. Die Franken waren ein germanisches Volk, sie
sprachen eine germanische Sprache, anfangs jedenfalls. Und: Anders als
die Römer kamen sie mit Mann und Maus, mit Kind und Kegel. Ein ganzes
Volk besiedelte das Land. Um 1000 n. Chr. kamen schließlich die
Normannen, ebenfalls ein germanisches Volk - und trotzdem sprechen heute
die Franzosen eine romanische Sprache.
Warum?
Auf die eine, naheliegende Antwort, bin ich auch schon gekommen: Weil
das Lateinische, als es nach Gallien kam, die Sprache eines kulturell
bereits hochentwickelten Volkes war, dem Keltischen also überlegen war.
Aber: Auch in Bayern (südlich der Donau) siedelten zu Caesars Zeiten die
Kelten. Auch Bayern wurde von Rom erobert, blieb jahrhundertelang
römisch. In Bayern siedelten sich nach den Römern die Bajuwaren an,
ebenfalls ein germanisches (??) Volk.
Wieso also spricht man in Frankreich romanisch und in Bayern germanisch?
(Den Einwand, es sei das Bayerische nur unter Vorbehalten als
germanischer Dialekt anzusehen, möchte ich nicht gehört haben.) ;)

Ciao
Wolfram

Also eine detaillierte linguistische kann ich nicht bieten, aber ein
paar generelle Ueberlegungen in dieser Richtung.

1.) Die Entstehung der romanischen Sprachen haengt wohl stark an dem
Romanisierungsgrad der jeweiligen Gegenden bzw. der Bevoelkerung ab.
Frankreich/Gallien wurde wesentlich staerker romanisiert als
Deutschland. Man beachte hierbei, das sich nur ein kleinerer Teil
Deutschlands bzw. der Germanenstaemme unter roemischer Kontrolle
befand und das zum Teil fuer einen deutlich kuerzeren Zeitraum (die
Limesgebiete nur ca. 150-180 Jahre), der Rest im Wesentlichen erst
seit Augustus. Teile Galliens hingegen waren schon lange vor Caesar
roemisch (gallia narnonensis, gallia cisalpina).

2.) Die Dauer des einheitlichen Frankenreiches war viel zu kurz um eine
gemeinsame Sprache entwickeln zu koennen.

3.) Fraenzoesisch ist mit dem Deutschen wohl naeher verwandt als die
andere romanische Sprachen (spanisch,italienisch), die sich wiederum
meist in Gebieten befanden, die noch staerker/laenger romanisiert
wurden als Frankreich.

4.) Die Normannen befanden sich nur in Nordfrankreich und haben relativ
schnell die Sprache der lokalen Bevoelkerungsmehrheit (wohl
altfranzoesich) angenommen.

5.) Wenn man sich nicht auf das heutige deutsche Bayern fixiert, sondern
generell das Gebiet von den Alpen bis zur Donau betrachtet, gibt es
durchaus Ueberbleibsel romanischer Sprachen (raeto-romanisch,
Ladino).





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