Re: Telegraph *
- From: "Rena Lutz" <KUEKEN86w@xxxxxx>
- Date: 21 Mar 2006 01:01:25 -0800
thomas.michel schrieb:
Leipzig, abends. Ich steure eines von fünf Autos,....für mich war es so wie ein dabei sein können,
die die querenden Straßenbahnschienen blockieren, weil's nicht weiter
geht, und die Straßenbahnen blitzen blau und rattern leer einher,
während ich versuche, die rote Leuchtschrift auf einem gewaltigen Buch
zu lesen, das
jede Menge kleine Fenster hat, von denen einige wenige
auch beleuchtet sind.
Dann geht sie weiter, die Berliner Straße, und ich bewege mich auf
dieses Hausbuch zu, ich schätze es auf 140 Meter, die in den Nachthimmel
ragen und etwa 60 Stockwerke, alle bei Aufbau erschienen. Sicher sehr
vielseitig.
Warum machen sie in der großen Glashalle schon um sechse zu?
Da könnt's doch dann erst so richtig spannend werden, aber dann --
nach und nach gelingt es mir, und ich kann einige der roten
Leuchtbuchstaben durch den Schleier auf der Frontscheibe erkennen, sie
sind so fern...
was soll dieses Spiel oben auf dem Buchhaus in dieser finstren Straße in
der zusammengeschachtelten Landschaft dieser Stadt? Nur für Verrückte?
Für mich.
Es ist eine Schranke aus roten Buchstaben, die besagt, daß es an dieser
Stelle nicht weiter himmelwärts geht, alle zusammen ergeben "The Westin
Leipzig".
Ich bin mir sicher, von Norden in die Stadt gefahren zu sein,
schließlich gibt's ja auch eine Nordstraße, auf der man stracks nach
Süden fahren kann.
Gleichzeitig fällt mir ein, daß man die Schrift sicher eher entziffern
kann, wenn man von Westen her kommt.
Aber wie soll das gehen?
Ich muß scharf bremsen, und der Straßenatlas klappt... sich?.... zu.
Endlich zu Fuß trägt mich der Altas weiter. Tröndlinring. Ich bin nicht
welts genug, und das nutzt ein Motorradfahrer aus, der nur auf dem
Hinterrad rast.
Das sieht geil aus, und ein paar Leute zucken wegen des Lärms zusammen.
Das letzte Mal sah ich sowas auf Kreta und verpackte es später in eine
Story, die auf Jamaika spielt. In dieser Story bin ich gestorben, soweit
ich mich erinnern kann...
Der Telegraph trägt sehr kurzes Haar, hart an der Grenze zur Glatze, ist
aber freundlich und gibt mir ein Bier. Die Leute essen viel Salat und
jemand verkauft mir eine Illustrierte des Titels "Kippe".
Ihr Punks und Gothics aus dem McDonalds, wärt ihr doch mitgekommen, so
schwarz, wie ihr seid - etwas mehr Farbe täte mir hier echt gut. Aber
die Leutchen vom Verbrecher-Verlag wollten ja auch nicht, ebensowenig
wie
die Tussi, die das Fraktur-Buch - ganz in Schwarz und Pink - vertrat,
ganz zu schweigen von den Manga-Mädchen aus der Comicsektion: zum Leben
erwachte Figuren japanischer Eng-Herzigkeit. Und Salli Sallmann, der
seine Scheune in Dresden mit Kohle (kein Geld) beheizt, wollt wohl ooch
nich.
Auf dem Klo findet ein Vogelkonzert statt wie sommers um fünf in der
Früh und später im Keller... da sitzen sie, und ein hochgewachsener
Telegraph trägt ein Tablett, voll mit roten Teelichtern, durch den Raum,
und nun - denk ich,
nachdem er die Lichter überall hin verteilt hat - kann der Tag - zu so
später Stunde - doch noch erwachen!
Der erste Autor spielt auch Gitarre, und es könnte den ganzen Abend so
weitergehn, wenn die Bücher nicht wären, aus denen noch zu lesen gilt.
Das Lied ist ein "Telefonsong", schön kredenzt, bei dem man die Antwort
des Gegenübers nicht hört, es geht um einen Schlafplatz auf der Couch
und die Tussi am anderen Ende mag ihn nicht reinlassen.
Nuja, dann liest Jan Böttcher, das Licht und das Wasser helfen ihm, der
eine gut vernehmliche, klare Aussprache an den Tag legt, und sein
Manuskript anscheinend sehr gut kennt - im Gegensatz zu mir, der ich
mich oft beim Lesen frage, von wem das wohl nun stammt.
Es geht um zwei Freunde, eine Mutter und einen Terroristen.
Ich überlege lange, wie damals dieser Terrorist hieß, den sie in Bad
Kleinen erschossen haben, und ob es um diesen überhaupt geht.
Mir fällt nur Brahms ein.
Aber die Freunde fallen über eine Bank her.
Irgendwas Krasses passiert noch, dann gibt's Applaus.
Die einzige Schwalbe dieses Endloswinters, Rabea Edel, liest. Ich kriege
nicht viel mit vom Inhalt des Lesens, vielmehr lausche ich ihrer sanften
Stimme und drehe mein Bonbon hin und her: wann ist nun das Kind aus dem
Mutterleib entlassen worden? Was ist auf der Schultoilette passiert
und ... muß das unbedingt brennen? Mein Blick schweift ab, und ich
sehe... nichts mehr.
Es braucht viel, winters als Schwalbe hier zu bleiben, und es braucht
noch mehr, um dies zu Papier zu bringen- und das Größte: es dann
vorzulesen. Sie ist gut.
Auch bei Norbert Zähringer, der als nächster liest, frag ich mich, hey!
wo nimmt der das alles her, diesen Zwischenmensch aus Arzt und
Urwalddoktor, der für den allgemeinen TGS, den türkischen
Ganzkörperschmerz (?) zuständig ist und den Namen
einens untergegangenen Teils des oströmischen Reichs trägt?
Als der Arzt dann ein gekotztes berliner Hammelhirn in allen Details die
Röhren kanalwärts rauschen läßt, freuen sich die Leute und lachen.
Ich weiß, das Buch hat noch ne Menge zu bieten, so Schilderungen von
Verstümmlungen und Grausamkeiten liest man in letzter Zeit häufiger, da
wird jemand an den Händen an einem Baum aufgehängt, ihm werden die
Genitalien abgeschnitten, in den Mund gestopft und der Mund mit
Klebeband verschlossen...
Das spielt dann aber in einem afrikanischen Bürgerkriegsland, und in dem
Buch "Als ich schlief".
Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit passieren solche Greueltaten
wirklich- also nun doppelt: zum einen durch die Täter, zum anderen durch
die, die es literarisch
nochmals geschehen lassen.
Damit auch der letzte Leser davon erfährt, was man in Huckituckiland
alles mit Leuten machen kann, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu
werden.
Und überhaupt: wie gut wir's getroffen haben!, hier zu sein und nicht
dort. Darauf kann man getrost den Samowar mit dem Bully auskippen...
lassen.
Überhaupt ist es gut, hier zu sein. Mir graut's beim Gedanken, all diese
Müdigkeit auf den Schultern durch das verinnerlichte Straßennetz dieser
Stadt sicher nach Merkwitz
zu tragen, wo ein paar nette Leute mir für eine Nacht Obdach gewähren.
Ich komme wieder!
in Gedanken,
es sich gut vorstellen zu können,
auch die Gefühle,
die Eindrücke,
die Begegnung von Bildern, Empfindungen, ein Lebensausschnitt aus und
in einer Stadt..eine lebendige Beschreibung....
.....und auch die Auseinandersetzung des Autors mit einem anderen Autor,
über die Verantwortung auch beim schreiben,
über das was man schreibt!,
was man darf und was nicht,
die möglichen Folgen, dies aber mehr zwischen den Zeilen
......es sind Gedanken mit Leben...gelebte Gedanken.
Gruß
Rena
.
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