Re: OT: Spiegel-Online bei Heise



Dirk Ohme wrote:

> Holger Bruns schrieb im Newsbeitrag
Ja sicher, das Gefühl kenne ich - aber seien wir mal ehrlich: Je mehr sich die IT entwickelt, desto mehr distanziert man sich von den Grundlagen, weil diese ausgereizt sind.

Wohl eher, weil nur eine immer kleiner werdende Menge an Leuten diese Dinge verstehen kann, verstehen möchte und sie auch ausnutzen kann.
Was hilft es mir, zu wissen, wie viele verschiedene Caches ein Quad-Core-Prozessor hat und wie und unter welchen Umständen die einzelnen Cores darauf zugreifen, wenn ich das gar nicht ausnutzen kann.
Sicher, ein Compiler- oder Betreibssystem-Schreiber muß das wissen, um das letzte Quantum Trost ... äääh ... Performance 'rauszuquetschen oder bei einem Prozesswechsel die richtigen Caches zu flushen/löschen.

Oder auch auf Hardware-Level:

Früher fummelte man durchaus noch im BIOS und seinen Routinen herum, lötete direkt auf dem ISA-Bus irgendwelche Karten, weil es noch mit diskreter Logik ging. Aber dann wurde es chic, GALs und PALs anstelle der 74er zu verwenden und mit neuen Bussen seit EISA/PCI wurde es noch abstrakter.

Egal ob PALs, GALs, ASICs oder welcher hochintegrierte Baustein: am ISA-Bus konnte man noch selber was 'dranbauen, aber der PCI-Bus ist dermaßen komplex, da braucht's teure Interface-Bausteine, und dann reden wir noch gar nicht von PCIe oder PCI-X.
Und selbst an externen Schnittstellen ist die zeit nicht spurlos vorübergegangen: konnte man früher am COM- oder LPT-Port noch selber was 'dranflanschen, fehlen diese Schnittstellen heute immer häufiger und mal eben was an einen USB 'dranzubauen kann auch nur ein kleiner Teil der Bevölkerung und dann muß man evtl. noch einen recht komplexen Treiber dazuentwickeln.

Früher unter DOS war die direkte Ansprache der Hardware auch kein Thema, heute benötigst Du bei jedem Betriebssystem zwingend einen Treiber, der - je nach OS - auch noch bitteschön signiert sein sollte ... am besten so richtig, denn sonst verweigert so manches (Server-)Betriebssystem gleich zu Kooperation.

Naja, unter Linux geht es ja noch: iopl() und /dev/port helfen da schon etwas. Aber, wie schon gesagt, so simpel ist die Hardware heute ja nicht mehr, daß es mal eben mit ein paar inb/outb-Befehlen getan ist.

Zum Thema Microsoft: Windows NT gab es für Mips, Alpha und PowerPC ... und? Vobis brachte ja damals einen Dec Alpha PC raus, aber letzten Endes waren die Benutzer zu wenig bereit für einen Wechsel; Microsoft wollte IBM eines auswischen und strich zuerst die PowerPC-Variante für die NT-Nachfolger ...

Es war wohl auch eine Kosten/Nutzen-Rechnung: Software zu entwickeln wird immer teurer, und diese dann auch noch auf einem Zoo von Architekturen bereitzustellen, würde zwar die Qualität verbessern (man sagt dem Linux-Kernel nach, daß er deutlich davon profitiert, auf allen, was auch nur annähernd wie ein Prozessor aussieht, zu laufen), kostet aber Unmengen an Zeit und Material.

Es ist doch so: Der Markt sucht nach einheitlichen Lösungen! Seit 1995 oder 1996 gibt es "Java" - aber wie stark konnte es sich im Markt etablieren? Wie stark konnte es den Markt durchdringen? Java ist in gewissen Bereichen etabliert, aber nicht in allen. Als Servlet fest im Programm, als Applet eine Zeit lang fast ausgestorben ...

Wozu Java, wenn es eben eine andere Plattform gibt? Java ist, aufgrund der JVM, portabel und die JVM ist eventuell offen, das ist nicht im Sinne einiger Software-Hersteller. Also schreibt man die Software für ein Betriebssystem, das läuft dann auf 90+% aller Desktops und gut is'. Was brächte es, die Software in Java zu schreiben? Performance-Verlust und keine wesentlichen zusätzlichen Kunden.

Nicht einmal ein "Word für Linux" kriegen sie fertig, obwohl sie die gleiche Architektur auf der Hardware
vorfänden, denn auch Linux ist Intel.

Das wollen die ja auch gar nicht: nur die Verbandelung von Betriebssystem und Applikationen festigt das Monolpol.
Wer Word/Excel/Powerpoint haben will, braucht Windows. Wer Windows hat, nimmt auch alle anderen Apllikationen für die Plattform.
Wer Windows hat, kann nur mit den anderen Plattformen kommunizieren, die "abgesegnet" sind, also i.d.R. mit anderen Windows-Plattformen.

Ein Linux für den MC68020 mit Fließkommaprozessor und Speichermanagement hätte ich jedoch gerne, in einer
Embedded-Version bitte, und ein Linux für DSP von Freescale
und auch der abgekündigten Dinger von Motorola wie dem
XC96002 wäre sogar super. Aber Pustekuchen. Entweder x86 oder sterben.

ls /usr/src/linux/arch
alpha arm arm26 avr32 blackfin cris frv h8300 i386 ia64 m32r m68k m68knommu mips parisc powerpc ppc s390 sh sh64 sparc sparc64 um v850 x86_64 xtensa

Sicher, es gibt keine fix-und-fertige Distributionen für die meisten dieser Architekturen, aber den Linux-Kernel gibt es erst mal.
Wenn man etwas sucht, findet man auch SDKs für andere Architekturen, ich arbeite z,Zt. z.B. an einer Embedded-PowerPC-Linux Anwendung. Da gibt's von DENX ein SDK.

Im Übrigen will man im embedded Bereich womöglich keine eierlegende Wollmilchsau a la Linux, sondern eher was Schlankes wie eCos ... warum sollte Linux da dieselbe Vormachtsstellung bekommen, wie Windows in der x86-Welt? Es gibt auch andere Alternativen ...

Linux ist halt (noch) ein System, welches stark von Entwicklern geprägt ist. Und es ist offen.
Also gibt es zahllose Entwickler-Tools, inclusive Tools zur Fehlersuche, und man het ungehinderten Zugang zu sämtlichen System-Schnittstellen, was die Anpassung und Erweiterung enorm vereinfacht.
Zusätzlich gibt es halt einen großen Haufen Entwicklern mit Linux-Knowhow (so bin ich an das Projekt gekommen ;-).
Wenn Du nicht sehr stark an die Hardware gebunden bist, Du also ständig Port-Zugriffe machen mußt, bietet es sich wenigstens an, über Linux nachzudenken.

Josef
--
These are my personal views and not those of Fujitsu Siemens Computers!
Josef Möllers (Pinguinpfleger bei FSC)
If failure had no penalty success would not be a prize (T. Pratchett)
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.



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