Re: Java im Zeitalter von Vista



Christoph Hess schrieb:

Microsoft will also HTML verdrängen d.h. den Browser?

Nein, nur HTML.

Es fällt einem als "ausgebildetem Desktop-Entwickler" zwar schwer dies
anzuerkennen aber... der Browser hat schon längst gewonnen.

Nein. Gewonnen hat die Idee, das man sich nicht mehr Anwendungen explizit installieren muss. Das gilt auch für alle neuen Technologien von Microsoft. Für's Protokoll: Das ist natürlich die Applet-Idee, so wie sie aus dem Oberon-System stammt und dann von Gosling für Java entdeckt und als Demo in dem HotJava-Browser umgesetzt wurde.

Will Microsoft etwa dass alle existierenden Browser-Anwendungen
umgeschrieben werden sollen oder müssen? Nicht im Traume.

Dinge wie WPF/E und XBAP lassen sich zusammen mit HTML im IE7 nutzen und erlauben einen Schrittweisen umstieg.

Der Browser hat wie gesagt gewonnen und dieses browser-basierte Paradigma
ist viel zu attraktiv für die Benutzer als dass es durch irgendetwas anderes
in Zukunft ersetzt werden wird.

Nein, das Browser-basierte Paradigma, unzusammenhängende Seiten anzuzeigen hat nicht gewonnen. Erst das, was man da noch mit Session-Verwaltung, dynamischem Nachladen von Seitentelen und der Erziehung der Anwender, bitte nicht "Back" zu drücken (indem man etwa alles per POST ausliefert und der Benutzer dann komische Warndialoge erhält) draufgesetzt wird, hat Webanwendungen möglich gemacht.

Und deren Entwicklung ist umständlich.

Alle Firmen setzen auf browserbasierte Anwendungen.

Weil die Usability nicht zählt und aus irgendeinem Grund Mitarbeiter niemals mangelnde Bedienbarkeit einklagen oder ernsthaft geprüft wird, wie aufwendig zu bedienen die Software ist.

Alleine Google bietet folgendes an:
- Email (GMail)

Deren zentrale Datenhaltung ist natürlich ein sehr zweischneidiges Schwert. Allgemein und bei Google besonders gilt, dass man durch derartige Webanwendungen komplett die eigene Privatsphäre aufgibt. Google kennt meinen Beruf, Google kennt meine Hobbys, Google weiss, wer meine Freunde ist (solange ich mich mit denen per GoogleMail oder GoogleTalk unterhalte) - was mich im Internet interessiert, wissen sie sowieso.

- Landkarte (GMap)

Google-Earth ist ein eigenständiges Programm.

- Calendar

Zugegeben nett, aber will ich auch Google noch mitteilen, was ich wann mache und wo ich wann bin?

- Spread***

Kann nicht ernsthaft mit Excel mithalten, allerdings braucht auch fast niemand Excel.

- Write(ly) (hoffentlich demnächst--> ich freue mich schon drauf!)

Das ist verfügbar. Allerdings kommt man noch nicht mit seinem Google-Account rein sondern braucht ein Extra-User. Und ich finde es ungenügend, da keine Absatzformate (Zeichenformate erwarte ich ja gar nicht) möglich sind und man wieder der typische Entwickler, der bitte <pre> und <code> benutzen möchte, vergessen wurde. All die Web- und Blog-Editoren vergessen diese IMHO essentiellen Tags. Mit viel Glück gibt es <blockquote>, aber das war's auch schon.

Desweiteren scheint Writely keine Absätze zu erzeugen, sondern nur genügend <br/> einzufügen. Und etwas wie <span style="FONT-WEIGHT:bold"> ist auch scheiße. Auf den ersten Blick (für mich) unbrauchbar.

- Foto, Video etc. pp.

Picasa ist auch ein eigenständiges Programm.

Das tolle ist ja dass diese Anwendungen tatsächlich funktionieren und
wahnsinnig praktisch sind weil überall und jederzeit verfügbar.

Ich muss zugeben, mir gefällt's ja auch. Insbesondere den Google-Reader habe ich für mich entdeckt, da ich regelmäßig an unterschiedlichen Rechnern sitze und sonst ducheinander komme, was ich schon gelesen habe. Gleichzeitig verfluche ich mich selbst, weil ich Google und damit allen Regierungen, die nett bitten, meine kompletten Interessen offenlege.

Alleine mit diesen Anwendungen lässt sich der grösste Teil der alltäglichen
Arbeit erledigen. Dann sehe man sich SugarCRM oder Salesforce.com an.

Letztes haben wir in der Firma. Was bin ich froh, damit nicht arbeiten zu müssen. Mein Geduldsfaden wäre nach 2min gerissen. Und häßlich sieht's auch aus. Eine Software, die keinen Spass macht zu bedienen, drückt letztlich auf die Produktivität.

Alles was eine Firma zu erledigen hat kann im Browser erledigt werden. Kein
eigener Server notwendig, kein Installationsaufwand, keine Backups etc.pp.
Der Chef, der Prokurist, die Sekretärin oder Verkäufer haben selbst von
zu Hause aus vollen Zugriff auf ihre Arbeitswelt sprich Firmendaten.

Das wiederum ist ein Vorteil. Und diesen Vorteil wird Microsoft mit XAML und Co auch beibehalten - vorausgesetzt man hat zuhause genau wie in der Firma Windows XP oder Vista und benutzt den IE7.

Und wozu braucht World of Warcraft denn Vista?

Die Frage muss anders herum lauten. Warum ist WoW keine Webanwendung? Oder: Was für eine Technologie müsste verfügbar sein, damit WoW genau wie Salesforce in einem Browser laufen könnte?

Was ist denn WoW? Ein Viewer für 3D-Modelle, ein System, welches Benutzereingaben ind Änderungen des Modells umwandelt, die an den zentralen Server meldet und Änderungen vom Server in das eigene lokale Modell integriert, ein Chat, ein UI. Der 3D-Viewer ist wohl in C++ geschrieben, aber das meiste von WoW, dass das UI betrifft, ist in Lua gescriptet.

3D im Browser kann WPF ebenfalls (ist zwar nicht für Spiele gemacht, sondern eher für Schaugrafiken, aber kommt Zeit, kommen auch speziellere Features für besondere Texturen, Filter, Bumpmaps und was es da so gibt) und die Steuerung könnte man genausogut in C# bauen. Für's UI wäre WPF prädestiniert.

Während ich mir bei WoW nicht sicher bin, sollten Spiele wie das Original-Warcraft oder andere Stragiespiele wie Age of Empire (also inbesondere die aus der guten alten Zeit, als noch nicht alles 3D sein musste, egal ob es dem Spiel etwas bringt oder nicht - Tetris in 3D, wozu?!) problemlos im Browser realisiert werden können. Und zwar, das ist der wichtigste Punkt, deutlich schneller als bisher - sowohl klassisch in C als auch "modern" in HTML, CSS, JavaScript oder Flash und PHP.

Übrigens ist Microsoft auch nicht allmächtig.
In nahezu allen Märkten ausserhalb Office und OS sieht es eigentlich nicht
so toll aus. Wozu brauchen die übrigens einen eigenen MP3-Player? Wieso
müssen die jeden aber auch jeden Markt abdecken? Totalitäre Systeme wollen
wir nicht. Diese Firma gleicht immer mehr dem 1000jährigen Reich.

Vorsicht vor dem Nazi-Vergleich. Du kennst die Regel, dass du damit automatisch die Diskussion verloren hast, ja? Microsoft will einfach ein System schaffen, dass aus der Box alles abdeckt, das der "casual user" so braucht und damit natürlich den Markt dominieren. Sie machen's, weil sie's können. Das ist aber in erster Linie erstmal nur Kapitalismus. Das kann man mögen oder nicht. Ich siehe die technischen Möglichkeiten davon noch einmal unabhängig und halte es für gut und wichtig, diese zu studieren - egal ob man sie einsetzen will oder nicht. Wenigstens sollte man in letzterem Fall seinen Feind auch kennen.

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Stefan Matthias Aust // Ergo bibamus, ne sitiamus, vas repleamus!
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